ITM: Wie können sich IT-Verantwortliche im Mittelstand am besten einen Überblick über den Energieverbrauch der vorhandenen ITK-Landschaft verschaffen?
Helmut Binder: Am Anfang steht in der Regel die umfassende Messung des tatsächlichen Energieverbrauchs der einzelnen Komponenten. Je länger ein Gerät im Betrieb ist, desto stärker kann seine tatsächliche Leistung von der nominellen abweichen. Da diese Messungen recht komplex und zeitaufwändig sind und von den Servern über die Klimatisierung bis hin zur Stromverteilung viele unterschiedliche Gewerke einschließen, empfiehlt sich hier der Einsatz eines externen Beraters.
ITM: Welche Maßnahmen sind – über Konsolidierung und Virtualisierung hinaus – vor allem dazu geeignet, die ITK-Energiebilanz eines Unternehmens zu verbessern?
Helmut Binder: Etwa die Hälfte des Strombedarfs eines Rechenzentrums entfällt auf die IT-Infrastruktur, und hier insbesondere auf die Kühlung. Die Stromverteilung und -absicherung selbst verbraucht rund ein Zehntel des Gesamtbedarfs. Investitionen in die IT-Infrastruktur haben daher einen großen Hebeleffekt und können Einsparungen von bis zu 50 Prozent des Infrastrukturbedarfs bringen.
ITM: Wo können sich mittelständische Unternehmen, die ihre Energieeffizienz erhöhen wollen, Hilfestellung holen (z. B. EU Code of Conduct for Data Centres)?
Helmut Binder: Erste Anlaufstelle sollte eine auf die Modernisierung von Rechenzentren spezialisierte IT-Beratung sein. Der Bitkom hat im Übrigen ein Beratungsbüro zu Green-IT eingerichtet. Beide können mittelständischen Unternehmen auch bei der Beantragung von Fördermitteln helfen. Denn Investitionen in die Energieeffizienz der Rechenzentren werden im Rahmen des Umweltinnovationsprogramms des Bundesministeriums für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit (BMU) sowie der Breitenförderung im Rahmen des ERP-Umwelt- und Energieeffizienzprogramms der staatlichen KfW-Bankengruppe gefördert.
ITM: Ein Blick in die Zukunft: Müssen die Unternehmen hierzulande künftig mit gesetzlichen Vorgaben hinsichtlich Energiebilanz oder CO2-Ausstoß rechnen?
Helmut Binder: Der CO2-Ausstoß allein ist keine sinnvolle Größe, die zu einer Reglementierung genutzt werden könnte. Denn er gibt nur in Relation zur Gesamtleistung eines RZs Auskunft über dessen Effizienz. Das Rechenzentrum macht auch nur einen Teil der CO2-Bilanz eines Unternehmens aus. Da gibt es noch viele andere Stellschrauben, etwa in der Produktion oder die Fahrzeugflotte.
ITM: Was halten Sie davon, allgemeingültige Umweltsiegel – die es z. B. mit dem EnergyStar oder dem Blauen Engel ja bereits gibt – auch für Unternehmens-Hardware wie Server, Kühl- und Speichersysteme oder Netzwerkkomponenten einzuführen? Inwieweit gibt es hier bereits Bemühungen seitens der Hersteller?
Helmut Binder: Die angesprochenen Siegel definieren lediglich Minimalkriterien, die fast jedes Gerät bereits erreicht oder zumindest erreichen könnte. Ein offizielles Siegel für Rechenzentren oder Infrastruktur gibt es nicht. Wir sehen daher zur Zeit keinen Grund, unsere Lösungen einer solchen Zertifizierung zu unterziehen, sondern werden unsere Entwicklungsressourcen weiterhin darauf konzentrieren, diese Minimalkriterien bei weitem zu unterschreiten."