ITM: Wie können sich IT-Verantwortliche im Mittelstand am besten einen Überblick über den Energieverbrauch der vorhandenen ITK-Landschaft verschaffen?
Dirk Harryvan: Als erstes würde ich immer den Energieverbrauch messen, denn nur dadurch erfährt man wie viel wo im Rechenzentrum verbraucht wird. Bei unseren Vor-Ort-Begehungen von Rechenzentren beobachten wir, dass schon relativ einfache Maßnahmen große Wirkung in Sachen Energieeffizienz erzielen können. So lassen sich die Kühlkosten durch die Erhöhung der Raumtemperatur im Rechenzentrum um durchschnittlich drei Prozent pro Grad senken.
ITM: Welche Maßnahmen sind – über Konsolidierung und Virtualisierung hinaus – dazu geeignet, die ITK-Energiebilanz eines Unternehmens zu verbessern?
Dirk Harryvan: Für Mittelständler lohnt es sich, auch über ganz neue und alternative IT-Konzepte wie Cloud Computing nachzudenken. Der Anwender kann dann seinen Spitzen-Kapazitätsbedarf durch den Cloud-Anschluss abdecken. Dadurch fällt sein Hardwarebedarf geringer aus.
ITM: Was genau verbirgt sich hinter dem "EU Code of Conduct for Data Centers"?
Dirk Harryvan: Dem European Code of Conduct on Data Centers Energy Efficiency können sich Unternehmen anschließen, die freiwillig den Energieverbrauch ihrer Rechenzentren im Rahmen vereinbarter Ziele senken möchten. Die Initiative wurde Anfang 2007 vom Joint Research Centre der EU-Kommission ins Leben gerufen. IT-Dienstleister wie Mansystems, die als Endorser des European Code of Conduct zertifiziert sind, begleiten die Unternehmen bei der Erreichung ihrer Ziele und auf ihrem Weg zu einem mit EU-Vorgaben konformen Rechenzentrum. Ziel des European Code of Conduct ist der Aufbau eines standardisierten Systems zur „grünen“ Rechenzentrumsoptimierung sowie eines Pools an aktuellen Best-Practice Beispielen.
ITM: Und wie können diese Best Practises Mittelständlern helfen, ihre ITK-Landschaft energieeffizienter zu gestalten?
Dirk Harryvan: Wer beim Code of Conduct mitmacht, muss sich verpflichten, die Energieeffizienz des Rechenzentrums kontinuierlich und nachprüfbar zu verbessern. Die Best-Practise Regel Nr. 1 beginnt mit einer „Gruppentherapie“. Das bedeutet, alle am IT-Prozess maßgeblich beteiligten Mitarbeiter müssen Grundlagenarbeit leisten. Hier geht es um die Basisfragen: Wo besteht Modernisierungsbedarf? Wie hoch ist der Nutzungsgrad einzelner Anwendungen? Werden diese überhaupt genutzt?
Gerade bei Mittelständlern entdecken wir oft ein relativ großes „Schattenkabinett“ an völlig sinnfreier Software. Am Ende dieses Prozess steht dann eine Liste, die anzeigt, wo optimiert, konsolidiert und zusammengeführt werden kann – erst dann wird über Neuinvestitionen nachgedacht.
Unter Heranziehung der Best Practices der EU hat Mansystems ein Analysewerkzeug entwickelt, das auf Basis eines Effizienzkreis-Modells Energiesparpotentiale in Unternehmen aufdeckt. Diese Fast Track Methode führt nicht über Einzelmaßnahmen, sondern vielmehr über eine breit angelegte und strategische Analyse zum Ziel. Kommt ein Unternehmen seiner kontinuierlichen Verbesserungspflichten nicht nach, wird es nach einer Abmahnung aus dem Code of Conduct ausgeschlossen.
ITM: Ein Blick in die Zukunft: Müssen die Unternehmen hierzulande künftig mit gesetzlichen Vorgaben hinsichtlich Energiebilanz oder CO2-Ausstoß rechnen?
Dirk Harryvan: Darüber können wir nur spekulieren. Die EU setzt bisher auf die freiwillige Selbstverpflichtung, es gibt aber verschiedene Initiativen in den einzelnen Ländern, die darauf abzielen, die Unternehmen mittel- bis langfristig in die Pflicht zu nehmen. In Holland haben wir beispielsweise den MJA, eine mehrjährige Vereinbarung der holländischen Regierung mit der IT-Industrie zur Erhöhung der Energieeffizienz. Hier sollen Steuererleichterungen Anreize zum Energiesparen schaffen. In England wird derzeit am CRC (Carbon Reduction Committment) gearbeitet. Mit in Kraft treten der „CO2 Emission Rights“ werden dann die Energiekosten erhöht, um die Motivation für nachhaltigeres Wirtschaften zu steigern. Deutschland hat sich zusammen mit den anderen Vertragsteilnehmern des Kyoto-Protokolls dazu verpflichtet, die Emission von Treibhausgasen von 1990 bis 2012 um 21 Prozent zu reduzieren. Dafür wurde ein EU-weites Emissionshandelssystem entwickelt. Derzeit gilt der Handel mit Emissionszertifikaten, also die Berechtigung eine bestimmte Menge an CO2 zu produzieren, nur für besonders umweltschädliche Industriebereiche wie Kraftwerke oder die Zementindustrie. Bald soll auch noch die Luftfahrtindustrie hinzukommen. Vor diesem Hintergrund ist es vielleicht nur noch eine Frage der Zeit, bis alle Unternehmer in Deutschland das Recht zum CO2-Verbrauch auf einer Emissionshandelsbörse teuer erwerben müssen.
ITM: Was halten Sie davon, allgemein gültige Umweltsiegel – die es z.B. mit dem EnergyStar oder dem Blauen Engel ja bereits gibt – auch für Unternehmens-Hardware wie Server, Speichersysteme oder Netzwerkkomponenten einzuführen? Inwieweit gibt es hier bereits Bemühungen seitens der Hersteller?
Dirk Harryvan: Wir sind große Befürworter von Standards die die Energieeffizienz von IT-Geräten darstellen können. Für uns als IT-Dienstleister stellt sich allerdings die Frage nach der Vergleichbarkeit solcher Standards. Welche Faktoren sind in die Bewertung eingeflossen? Und wer überprüft deren Einhaltung? Im Konsumerbereich kochen Hersteller und staatliche Organisationen diesbezüglich heute noch in ganz unterschiedlichen Suppentöpfen. Wenn wir unsere Beratung an Umweltsiegeln ausrichten, dann müssen diese auf einheitlichen Effizienzkriterien beruhen.