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Vive la Liberté

Von: Daniela Hoffmann

Unabhängigkeit, Entscheidungsfreiheit, Offenheit – mit diesem eher philosophischen Ansatz wurde bisher für Linux als Alternativplattform geworben. Meist sind es jedoch schlicht die Kosten, die Mittelständler zum Wechsel bewegen: Bis zu 30 Prozent der Betriebskosten lassen sich Experten zufolge mit dem quelloffenen Betriebssystem einsparen. Der Zeitpunkt ist günstig: Das Angebot vorgeschnürter Pakete wächst und an qualifiziertem Linux-Personal herrscht kein Mangel mehr.

Das amerikanische Marktforschungsunternehmen AMI rechnet mit einer jährlichen durchschnittlichen Wachstumsrate von Desktop-Linux bis 2008 bei 39 Prozent, von Server-Linux bei 34 Prozent. Bis 2008 sollen weltweit 4,2 Prozent der KMUs Linux auf dem PC nutzen. Der AMI-Studie zufolge sind bei Mittelständlern steigende IT-Kosten, der Wunsch, sich nicht zu stark an einzelne Anbieter zu binden und die Rückendeckung für Linux von großen Herstellern wie IBM, Hewlett Packard oder Novell Grundlage für den Trend. Den Marktforschern der IDC zufolge hat das alternative Betriebssystem mit einem Umsatzvolumen von 5,7 Mrd. Dollar in 2006 einen soliden dritten Platz im Markt für Betriebssysteme erobert. Die Marktforscher gehen davon aus, dass Windows-Server ohne Anwendungs-Programme noch in zwei Jahren doppelt so teuer sein werden wie ein vergleichbarer Linux-Server.
In der Zwischenzeit haben zudem die Linux-Anbieter  den mittelständischen Markt entdeckt – immerhin spielen hier Erwägungen hinsichtlich Lizenz- und Betriebskosten eine besonders wichtige Rolle – und gehen auf die spezifischen Anforderungen kleinerer Unternehmen ein. Zu den Anbietern gehört unter anderen Collax mit Sitz in München und Boston, dessen Strategie in einer einfach handhabbaren Benutzeroberfläche besteht, die den Anwendern kein eigenes Know-how abverlangt. Der Bremer Hersteller Univention beispielsweise vertreibt eine integrierte Linux-Komplettlösung, mit der nach eigenem Bekunden alle für den professionellen Einsatz relevanten Programme und Dienste vorkonfiguriert und einsatzbereit installiert sind. Das Konzept beinhaltet eine qualitative Auswahl, welcher Mailserver, welcher Verzeichnisdienst oder welche Fax-Software sich in der Praxis bewährt und in der professionellen Anwendung als sinnvoll erwiesen hat.
„Gerade mittelständische Unternehmen, die traditionell gerne selbst in der Hand haben, wie ihr Geschäft gesteuert wird, begeben sich ungern in die Abhängigkeit von einem Hersteller“, berichtet Elmar Geese, Vorsitzender des Linux-Verbands von seinen Erfahrungen. „Häufig entsteht durch den Zwang, Update-Zyklen einzuhalten, die Notwendigkeit, IT-Landschaften umzustricken und an höhere technische Anforderungen anzupassen, obwohl das Unternehmen mit der bestehenden Hardware-Situation zufrieden ist“, so Geese mit Blick auf Microsoft. Dies kann mitunter schon die dreijährige Abschreibungsfrist betreffen, wenn Produkte nicht mehr weiter gewartet werden und der Umstieg auf neue Versionen höher-performante Hardware erforderlich macht. Gerade Mittelständler entscheiden sich aus Kostengründen häufig,  funktionierende Hardware über weit längere Zeiträume hinweg zu nutzen.
„Rund 20 Prozent Einsparungen lassen sich im Vergleich durch den Linux-Betrieb erzielen“, sagt Stefan Schindewolf, IT-Projektleiter bei Infrastruktur & Co. Hoechst und Sprecher des DSAG-Arbeitskreises Linux (Deutschsprachige SAP-Anwendergruppe). „Zehn bis 20 Prozent der SAP-Server laufen heute unter Unix, Tendenz steigend“, schätzt Schindewolf. Seit 1999 lässt sich die Walldorfer ERP-Software auf dem Open Source-System betreiben. Im Unterschied zu Windows wird SAP hier nur von der Kommandozeile aus administriert.
Hinzu kommt dem Linux-Sprecher zufolge, dass bei Linux quasi kostenlos sinnvolle Tools im Paket enthalten seien, für die ansonsten zusätzliche Aufwendungen anfielen, darunter Fax-Software oder Datenbanken. „Es lohnt sich schon aufgrund dieser Vorteile, über eine Migration nachzudenken“, so Schindewolf, „von Sicherheitsaspekten, niedrigeren Hardwarekosten und Unabhängigkeit ganz zu schweigen“.
Von Viren, Würmern und Trojanern ist im Linux-Umfeld in der Tat so gut wie nie die Rede. Linux sei auch deswegen sicherer, weil es nichts Überflüssiges enthalte, meint Elmar Geese. Anders als bei Windows sei nicht ein Überschuss an Software-Komponenten mitzuführen, die praktisch nicht genutzt würden. Zudem entspreche es der Situation mittelständischer Unternehmen stärker, Systeme aufgabengemäß einzurichten – sie etwa exakt für die Aufgabe des Fax-Servers oder des Arbeitsplatzrechners zu konfigurieren.

Linux-Know-how ist vorhanden

Ein Argument, das in den ersten Linux-Jahren gerade beim mit IT-Personal-Ressourcen knapp gesegneten Mittelstand häufig gegen das Open Source-System zu sprechen schien, war der Mangel an Fachkräften mit Linux-Know-how. Aus Expertensicht hat sich diese Problematik mittlerweise vollständig entschärft. „Auch in den IHK-Ausbildungsberufen gehört Linux heute zum Kanon. Hinzu kommt das persönliche Interesse bei Personal mit Linux-Hintergrund. Meist wird das System auch zu Hause genutzt, sodass Fachwissen und Erkenntnistiefe größer sind als bei anderen Plattformen. Im Open-Source-Umfeld gibt es zudem einen wesentlich stärkeren Informationsaustausch innerhalb der Anwender-Community, das fördert rasche Problemlösungen“, so Geese.
Ein Anwender, der den kompletten Sprung auf die Linux-Plattform gewagt hat, ist die Dresdner Enso Strom AG. Der 1400 Mitarbeiter starke regionale Energieversorger beliefert rund 800.000 private und gewerbliche Kunden. Zudem erbringt das Unternehmen Dienstleistungen für Stadtwerke im Versorgungsgebiet Ostsachsen. Traditionell wurde bei Enso mit einem IBM Mainframe gearbeitet, auf dem auch die Stromrechnungen erzeugt wurden. In 2003 entschlossen sich die Dresdner, die Großrechner-Hardware aus Gründen der Zufriedenheit weiter zu nutzen. Dennoch bot die IBM-Offensive „Linux auf allen Plattformen“ Anlass, sich mit z/Linux (Linux für OS/390) zu beschäftigen. Anfang 2005 stieg der Energieversorger auf die neue Plattform Linux und gleichzeitig auf die SAP-eigene Datenbank MaxDB um. Nach der kompletten Übernahme der SAP-Applikations- und Datenbankserver hatten die Dresdner ihre IT schließlich auf 18 baugleichen Linux-Servern unter Dach und Fach. „Linux ist für uns eine strategische Plattform“, meint Dirk Erler, Fachgruppenleiter Systemadministration IT-Services bei Enso. Bei den Investitionen und bei den Betriebskosten  habe man erhebliche Einsparungen verzeichnet. „Bis zu einem Drittel der Kosten lässt sich im Vergleich etwa einsparen“, schätzt Erler. Zudem seien die Systeme noch ausfallsicherer und betreuungsärmer.

Abwägen, ob man die Update-Schritte mitgeht


Linux-Fachwissen wurde zwar vom Dienstleister eingeholt, dabei wollte Enso es jedoch nicht belassen. „Uns war daran gelegen, auch eigenes Know-how aufzubauen. Ein bis zwei Leute beherrschen die wichtigsten administrativen Aufgaben, zum Beispiel das Einspielen von Service-Updates oder die Konfiguration des Storage Area Networks (SAN)“, so Erler.
„Meiner Einschätzung nach ist Linux reif für den Betrieb von Enterprise-Anwendungen, von denen die Wertschöpfungskette stark abhängig ist. Es gibt mittlerweile ein breites Spektrum an professionellen Anbietern“, meint Dirk Erler. In der Praxis hat sich gezeigt, dass anfänglich Mischformen zwischen Linux und Windows der pragmatische Weg sind. Im Vorfeld ist eine gründliche Analyse der IT-Landschaft und Softwarebedürfnisse sinnvoll (siehe Kasten). Zudem sollte der Anbieter auf Herz und Nieren geprüft werden, beispielsweise hinsichtlich Branchenkenntnis, wirtschaftlicher Stabilität und standardisierter Update- und Support-Prozesse. „Der Umstieg auf Linux sollte gründlich vorbereitet und nicht ‘von oben’ verordnet werden, sondern von ‘Innen’ heraus kommen und mit einer gewissen Begeisterung von den IT-Mitarbeitern einhergehen“, rät Schindewolf. Ein Windows-begeistertes IT-Team sei keine gute Ausgangsbasis. Bezüglich der  fortschreitenden Etablierung des quelloffenen Betriebssystems sind sich die Experten einig: „Wenn mit Microsoft Vista eine neue Windows-Version auf den Markt kommt, erwarten wir nochmal ein verstärktes Engagement in Richtung Linux“, prognostiziert Geese: „Bei den deutlich höheren Hardwareanforderungen werden viele Unternehmen abwägen, ob sie den Schritt mitgehen wollen“. 


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