News Kurs

Ein eigenes IT-Modell

Von: Guido Piech

Der Name Graupner ist nicht nur eingefleischten Modellbauern ein Begriff. Die ferngesteuerten Modelle und originalgetreuen Nachbauten des schwäbischen Familienunternehmens üben vielmehr auch auf die handwerklich weniger Versierten reichlich Faszination aus. Was den IT-Einsatz im Hause anbelangt, setzen Marketing-Chef Roland Peichl und IT-Leiter Martin Schmelzer ihr eigenes Modell um. Sie bedienen sich aus den Baukästen der Hersteller, wenn es wirtschaftlich sinnig und notwendig ist – und fliegen dabei naturgemäß nicht auf jeden Trend.

Marketing-Chef Roland Peichl (re.) und IT-Leiter Martin Schmelzer

ITM: Herr Peichl, wo sehen Sie Graupner im Markt für Modellbau positioniert?
Peichl:
Weltweit zählen wir zu den Top drei, auf jeden Fall sind wir am längsten am Markt – wir feiern 2010 das 80-jährige Bestehen. Ich möchte behaupten, dass wir von der Umsatz-, Mitarbeiter- und Sortimentsgröße her in Europa Marktführer sind. Es gibt in den USA einen größeren Wettbewerber mit ca. 600 Mitarbeitern, der auch an Privatkunden und über das Internet verkauft.

Wir besitzen im Gegensatz zu anderen eine hohe Sortimentskompetenz. Auch Ersatzteile für ältere Modelle haben wir weitgehend vorrätig. Damit ist zunächst kein Geld zu verdienen, es trägt aber zur Kundenbindung und -zufrieden­heit bei.
Neben den eigentlichen Bausätzen ist unser Faustpfand vor allem das Fachwissen und Renommée im Bereich des elektronischen Zubehörs, mit dem wir auch den Löwenanteil unseres Umsatzes generieren. Firmen aus dem Elektronikbereich versuchen sich bisweilen an dem Thema Fernsteuerungen. Für einen Neueinsteiger in dieses Metier ist es jedoch nahezu unmöglich, sich eine ähnliche Expertise wie Graupner aufzubauen – und die Kunden halten ungern als Versuchskaninchen her. Dieser Umstand hält unsere Konkurrenz auf Distanz.

ITM: Sie beliefern keine Privatkunden?
Peichl:
Unsere Kunden sind weltweit ca. 1.500 gut eingerichtete Modellbaufachhändler, deren Anzahl allerdings vor allem im Inland rückläufig ist. Internet-Shops, Privatleute oder Vereine beliefern wir nicht, weil Modellbau intensive Beratung erfordert, die man unserer Ansicht nach über einen Online-Shop nicht bieten kann. Wobei wir natürlich bestrebt sind, dass unsere autorisierten Fachhändler online bei uns bestellen.

ITM: Inwieweit gehen die Bestellungen der Fachhändler elektronisch ein?
Schmelzer:
Wir liegen bei deutlich über 50 Prozent elektronischer Bestellungen. Bis vor drei, vier Jahren verzeichneten wir noch deutliche Steigerungsraten, mittlerweile hat allerdings eine Stagnation eingesetzt. Die Fachhändler, die bis jetzt noch nicht über den Online-Shop bestellen, werden es wohl auch künftig nicht tun. Außerdem nimmt die Zahl der Fachhändler insgesamt ab – die großen werden größer, die kleinen verschwinden. Im Ausland werden die Möglichkeiten der elektronischen Bestellung übrigens weit mehr genutzt als im Inland.

ITM: Welche Anreize schaffen Sie für Kunden, die online bestellen?
Schmelzer:
Über den Online-Shop, der voll in unser ERP-System integriert ist, ist das gesamte Sortiment abrufbar, inklusive ausführlicher Bebilderung und Betextung. Der Kunde bekommt eine Anzeige über die Verfügbarkeit und seinen derzeitigen Warenbestellwert, er erhält eine Rückstandsliste und eine Online-Rechnung und kann den Versandstatus seiner Aufträge jederzeit nachverfolgen.

ITM: Die Modellbauergemeide tauscht sich wahrscheinlich auch im Internet aus. ­Bieten Sie ein eigenes Forum an?
Schmelzer:
Nein. Wir beteiligen uns auch nicht aktiv an Foren. Wir beobachten, was dort geschrieben wird und greifen ganz selten korrigierend ein, wenn  grober Unsinn in Umlauf gebracht wird. Wir geben uns dann aber zu erkennen.
Unsere Plattform ist unsere Homepage www.graupner.de, die wir regelmäßig mit neuesten Berichten und Downloads befüllen und auf der wir häufig gestellte Fragen beantworten. Auch Anfragen per E-Mail beantworten wir direkt.

Peichl: Wir schaffen es nicht immer in den angestrebten vier Stunden, aber wir sind schnell. Anders als mancher Großkonzern, von dem man nach zwei bis vier Wochen eine computergenerierte Rückmail ohne Inhalt bekommt.

ITM: Wie organisieren Sie Ihren Versand?
Schmelzer:
Wir kommissionieren seit etwa fünf Jahren komplett beleglos über  Pick-by-Voice. Die Mitarbeiter bekommen über Kopfhörer angesagt, welche Artikel sie kommissionieren müssen.

Unsere Ware versehen wir mit Strichcodeaufklebern, die eingescannt werden. Das Paketgewicht gelangt von der Waage automatisch ins System, das daraufhin ermittelt, wohin die Sendung geht, so dass automatisch das entsprechende Porto hinterlegt wird. Außerdem wird das Paket direkt mit den entsprechenden Versandpapieren versehen.

Wir übernehmen die Versandkosten automatisch in unsere Rechnung, bringen die Labels für das Routing hier an und können den Logistikern unsere Daten dank EDV-Anbindung vor der Abholung übermitteln. Dies bringt uns einen Portovorteil, weil die Versender die Daten nicht noch einmal erfassen müssen.

ITM: Hat sich der Einsatz von Pick-by-Voice bewährt?
Schmelzer:
Verglichen mit der vorherigen Kommissionierung via Handscanner konnten wir einen Leistungsschub von ca. 30 Prozent verzeichnen. Nach dem heutigen Stand haben wir das Thema Schnelligkeit in der Kommissionierung damit vermutlich ausgereizt. Wir haben unser Lager mit seinen ca. 8.000 Artikeln auf 13.000 Stellplätzen größtenteils automatisiert und können etwa 750 Auftragszeiten in der Stunde abarbeiten.

Peichl: Noch schneller zu werden, hätte fast schon negativen Charakter. Denn die Fachhändler wissen, dass sie selbst keine Artikel mehr vorhalten müssen, weil Graupner sowieso bis zum nächsten Tag liefert. Ihre Auftragsbevorratung würde wahrscheinlich gegen null tendieren, und wir müssten nur noch Kleinaufträge ausführen, weil die Kunden mehrmals pro Tag bestellen. Dadurch stiegen natürlich unsere internen Kosten und der Aufwand erheblich, denn auch elektronische Aufträge müssen die gesamte Buchhaltung durchlaufen.  

ITM: Dann könnten Sie die Endkunden besser direkt online bedienen.
Peichl:
Wenn der Kunde ein bestimmtes Ersatzteil sofort benötigt, das der Händler nicht vorrätig hat, wäre er über unseren Internet-Shop sicher besser bedient. Dann hätte er das Teil spätestens binnen 48 Stunden. Kleinere Händler können natürlich nicht jedes Spezialteil immer vorrätig halten. Sie bestellen jedoch auch nicht immer sofort. Im Gegenteil: Viele Händler sammeln Bestellungen, bis sie die Portofreigrenze erreichen und halten dadurch ihren Aufwand gering. Dies teilen sie ihren Kunden allerdings nicht mit. Stattdessen lassen sie die Bestellung zwei Wochen ruhen und schieben es darauf, dass Graupner nicht lieferfähig sei.

ITM: Was tun Sie, um dies zu verhindern?
Peichl:
Indem wir auf unserer Webseite die Verfügbarkeit von Teilen anzeigen. Mit diesem Wissen kann der Modellbauer seinem Händler Druck machen.
Die großen Händler wiederum sind auf unsere Geschwindigkeit nicht angewiesen. Sie bestellen im Zweiwochenrhythmus, haben fast immer alles auf Lager und schätzen unsere Transparenz: Sie sehen, welche Ware herausgegangen und was lieferbar ist. Zudem können sie ihre Reparatur- und Serviceaufträge einsehen.

ITM: Ist RFID für Sie ein Thema?
Schmelzer:
Im Grunde nicht. Auf unseren häufig kleinteiligen Waren einen RFID-Chip anzubringen, ist wenig sinnvoll, weil der Funkchip oft wahrscheinlich teurer wäre als das Produkt.

RFID erscheint mir als betriebsinternes, automatisiertes Kontrollinstrument zweckvoll, wenn palettenweise Material zwischen Lagerstätten bewegt wird. In unserer Logistik sollte ich nach einem Scan der verschlossenen Sendung sagen können, ob sie vollständig ist.

ITM: Wie gewährleisten Sie die Vollständigkeit der Sendungen? Wie hoch ist Ihre Reklamationsquote?
Schmelzer:
Unsere Reklamationsquote liegt bei 0,7 Promille. Beim Pick-by-Voice müssen wir aufgrund der sehr hohen Lagerdichte, des großen Sortiments und des begrenzten Raumes logischerweise mit Fehlern leben. Eine konservative Kontrolle haben wir eine Zeit lang erprobt, sie brachte allerdings nicht das gewünschte Ergebnis: Ein Mitarbeiter zählte die Sendungsartikel, die von einem anderen Mitarbeiter abgehakt wurden. Dieses Verfahren war sehr arbeitsintensiv und machte uns natürlich nicht schneller. Derzeit prüfen wir den Einsatz einer Lösung, bei der die Ware beim Verpacken gescannt und mit der Paketliste abgeglichen wird. Diese Lösung wollen wir bei Kunden einsetzen, die besonders häufig reklamieren.

ITM: Lässt sich die Richtigkeit der Sendung nicht über das Gewicht ermitteln?
Peichl:
Grundsätzlich schon. Allerdings handelt es sich bei den Reklamationen unserer Kunden häufig um Kleinteile, die über eine Gewichtskontrolle wahrscheinlich gar nicht auffielen. Die fehlenden Teile werden bei der nächsten Sendung kostenfrei mitgeliefert. Das ist letztlich billiger als eine personenintensive Nachkontrolle.

ITM: Betreiben Sie Ihre IT-Infrastruktur und Hardware hier im Hause?
Schmelzer:
Ja, wir haben vor einiger Zeit ein Blade-Center auf Basis eines IBM System i aufgebaut. Obwohl wir bereits vorher ein kleines virtualisiertes Center und ein kleines Storage Area Network (SAN) im Einsatz hatten, mussten wir trotzdem eine Vielzahl an Servern zusätzlich zu unserer AS/400 betreiben. Mittlerweile ist die gesamte IT-Landschaft in besagtem Blade-Center zentralisiert. Daran angeschlossen ist ein SAN. Außer einem Webserver und einer Firewall existiert abgesehen von den Thin Clients der Mitarbeiter keine weitere Hardware.
Im Übrigen tauschen wir alle drei Jahre konsequent unser gesamtes IT-Equipment aus. Die alten Geräte würden zwar sicher noch zwei Jahre Dienst tun, aber mit zunehmendem Alter erhöhen sich die Ausfallraten. In der Regel erhält man auch bessere Leasing-Konditionen, wenn man die Geräte gleichzeitig austauscht.

ITM: Ist der organisatorische Aufwand nicht sehr hoch?
Schmelzer:
Natürlich muss man zwei, drei stressige Wochen und einige Tage der Anpassung einplanen. Aber selbst die Datenmigration, die früher immer ein Riesenthema war, wird immer einfacher.

ITM: Sie haben Ihre IT-Umgebung komplett virtualisiert? Braucht man dazu ein Informatikstudium?
Schmelzer:
Nein. Mit einem guten Systemhaus im Rücken, das bei der Einrichtung maßgeblich unterstützt, bekommt man die Umsetzung auch als mittelständischer Anwender bewerkstelligt. Ich selbst bin kein ITler, ich bin Kaufmann und damit Quereinsteiger. Mein Systemadministrator ist eigentlich Elektriker, aber zusammen bekommen wir die anstehenden Aufgaben umgesetzt.

ITM: Welche Aufgaben sind das?
Schmelzer:
Wir leisten den First-Level-Support für das ERP-System, zudem betreiben wir bestimmte hausinterne Anwendungen wie die Fibu oder die Zeiterfassung komplett in Eigenregie. Um die Durchgängigkeit der Anwendungen sicherzustellen, bedarf es schon einiger Ressourcen. Die Werbebotschaften der Hersteller, dass man heutzutage keine Schnittstellen mehr benötige, treffen ganz einfach nicht zu.

ITM: Greifen Sie denn in Sachen Programmierung auf externe Dienstleister zurück?
Peichl:
Aufgrund der Beschaffenheit unseres alten Systems haben wir in der Vergangenheit unsere Schnittstellen teilweise noch in klassischem RPG selbst programmiert, etwa die Anbinung zu unserem Hochregallager. Heute betreiben wir jedoch so gut wie keine Eigenentwicklung mehr, das meiste erledigen externe Dienstleister. Mit unserem kleinen Team wäre die Umsetzung sonst auch immer schwieriger zu bewerkstelligen. Den Viren- und Spam-Scan lassen wir zudem extern bei dem Managed-Service-Anbieter Retarus durchführen.

ITM: Wie hat man sich diese Managed Services vorzustellen?
Schmelzer:
Die Hardware steht wie gesagt bei uns. Eingehende Mails gelangen über den Umweg der Retarus-Rechenzentren auf unseren Mailserver. Dabei handelt es sich nicht um Outsourcing im klassischen Sinne, sondern um eine reine Dienstleistung.

Der Vorteil für uns besteht darin, dass wir keinerlei Aufwand mit der Absicherung des Mailverkehrs mehr haben. Alle Maßnahmen rund um das Thema E-Mail-Sicherheit und auch die Installation der Software sowie der Updates übernimmt der Dienstleister. Dank des Vierfachschutzes konnte sich Retarus im Vergleich zu preislich günstigeren Angeboten durchsetzen. Schließlich wollen wir unter allen Umständen vermeiden, dass Schadsoftware bei uns eindringt oder Spam die E-Mail-Postfächer verstopft. Dies garantiert der Dienstleister. Vor unserer Entscheidung hatten wir drei, vier Anbieter in der engeren Auswahl, bevor wir 2006 einen Dreijahresvertrag mit Retarus unterschrieben, der letztes Jahr verlängert wurde.

ITM: Könnten Sie sich vorstellen, auch andere, zentrale Bereiche der IT extern betreiben zu lassen?
Schmelzer:
Schnell ist man meiner Meinung nach nur dann, wenn man die Hoheit über seine Prozesse besitzt: Als Anwender muss man selbst eingreifen können. Beim Thema E-Mail-Sicherheit hat Retarus ganz klar die höhere Kompetenz als wir, aber das muss ich doch nicht herunterbrechen auf die Buchhaltung und Materialwirtschaft. Das können wir schon noch selbst.

ITM: Das vielbesungene Cloud Computing ist folglich kein Thema für Sie?
Schmelzer:
(winkt ab) Ach, für so etwas sind wir doch viel zu klein. Man müsste sich das vielleicht einmal bei einem befreundeten IT-Leiter anschauen. Stand heute ist es keine wirkliche Option.

ITM: Sie stehen neuen Technologien aber grundsätzlich nicht abgeneigt gegenüber, siehe Virtualisierung oder Pick-by-Voice?
Schmelzer:
Natürlich nicht, aber neue Technologien müssen sich rechnen. Welche Einsparmöglichkeiten hat man denn seitens der EDV im Normalfall? – Man kann die Leasingrate verringern, muss aber immer etwaige Investitionen in  Software und Lizenzen dagegenstellen. Sicher kann man immer etwas irgendwo billiger beziehen. Aber vertraute Sachen über Bord zu werfen, eventuell neu zu lizenzieren und die Mitarbeiter neu zu schulen, vermeidet man doch tunlichst.

Außerdem steht die Funktionalität eindeutig vor den Schlagwörtern. Die IT-Industrie muss merken, dass ihre bunten Botschaften mit dem grauen Alltag oft nicht viel gemein haben. Die Anwender müssen genau überlegen, was sie wirklich zur Prozessumsetzung benötigen.

ITM: Der Gesetzgeber verlangt manche Neuerungen, die Sie umsetzen müssen. ­Beispiel Atlas-Ausfuhr?
Schmelzer:
Die Intention des Gesetzgebers ist nachvollziehbar. Unerlaubte Ausfuhren sollen nicht wie bisher nach Vollzug sanktioniert werden, sondern gar nicht erst stattfinden dürfen. Auch Graupner hat Artikel im Sortiment, die Ausfuhrbeschränkungen unterliegen – Fernsteuerungen zum Beispiel. Staaten, die den Atomwaffensperrvertrag nicht ratifiziert haben, dürfen keine Güter einführen, die unter dem Begriff Dual Use laufen. Eine Fernsteuerung könnte laut dieser Definition auch dazu benutzt werden, eine Bombe fernzuzünden. Unser Problem besteht aber nun darin, dass wir durch Atlas-Ausfuhr in der Abwicklung richtig zäh geworden sind.

ITM: Die Abwicklung sollte aber doch schneller werden?
Schmelzer:
Für Unternehmen, die ihre Ausfuhren noch auf dem Papierwege abwickeln mussten, ist das elektronische Verfahren sicher eine Erleichterung. Für uns war es ablauftechnisch jedoch definitiv ein Rückschritt. Unsere Zollabwicklung war bereits in das ERP integriert und durchgängig beleglos. Als „Ermächtigter Ausführer“ besaßen wir die Genehmigungen, alle Ursprungseigenschaften und Präferenzen in Eigenregie festzulegen und die gesammelten Statistiken den entsprechenden Stellen am Monatsende elektronisch zu übertragen.
Heute muss eine eigens dafür abgestellte Mitarbeiterin dem Atlas-System jede Rechnung überstellen und auf die entsprechende Bewilligung hoffen.

ITM: Prozess verlangsamt, eigene Sicherheit erhöht?
Schmelzer:
Wir wissen, dass gewisse Länder die für sie unerlaubten Güter über Briefkastenfirmen in London beschaffen. Man müsste also in jedem Falle überprüfen, wer der letztliche Adressat  ist. Das ist für uns unmöglich, mit Atlas-Ausfuhr ist es aber möglich.

Um uns selbst abzusichern, werden wir künftig zusätzlich einen Sanktionsmonitor in das ERP-System integrieren, der  bei jeder Geschäftstransaktion – auch bei der Beschaffung – die Adresse des Partners prüft. Diesem Aufwand steht zunächst kein Ertrag entgegen. Wird man allerdings erwischt, steht man selbst auf der Sanktionsliste und kann sein Geschäft im Grunde schließen.  

ITM: Ist denn in Ihren Augen mittlerweile das Verständnis verbreitet, dass ohne IT die Umsetzung von Prozessen nicht mehr möglich ist? Auch, wenn sich der Ertrag nicht immer unmittelbar berechnen lässt?
Schmelzer:
Dieses Verständnis kommt manchmal von selbst. Wir hatten vor acht Jahren einmal einen einmaligen Hardwaresystemausfall. Nach einem Umbau fuhr nach dem Wochenende die AS/400 nicht mehr hoch, was zwei Tage EDV-Stillstand zur Folge hatte.

Es hätte wahrscheinlich vorher niemand für möglich gehalten, aber nach vier Stunden ging zuerst die Logistikabteilung nach Hause, dann die Fertigung und schließlich die Verwaltung.

ITM: Welchen Effekt hatte dieser Vorhalt?
Schmelzer:
Es war ein einschneidendes Erlebnis. Jedenfalls fiel uns das Argumentieren im Anschluss vielfach leichter. Im Gegenzug hält uns diese Erfahrung aber auch davon ab, brandneue und vielleicht risikobehaftete Dinge auszuprobieren. Der absolute Pilotkunde wollen wir nicht unbedingt sein.
Wenn wir aber von dem Nutzen einer Technologie überzeugt sind, wie etwa den Managed Services von Retarus oder dem Blade-Center auf dem System i, setzen wir sie auch um. Das Virtualisierungsprojekt fand seinen Abschluss im August 2009, womit wir sicher einer der ersten Anwender waren, die diese Technologie komplett implementiert haben.

ITM: Steht diese Entscheidung als Sinnbild für den gestiegenen Stellenwert der IT im Hause Graupner?
Peichl:
In den Anfangszeiten der EDV gab es die Vorgabe, dass IT nicht viel kosten darf. Deshalb sind wir damals mit einer IBM/36 eingestiegen, obwohl eigentlich klar war, dass diese Maschine für ein Unternehmen unserer Größe nicht geeignet war. Die Antwortzeiten waren unerträglich. Dennoch: Obwohl die damalige EDV nicht zeitgemäß war und wir bestimmt viel Geld verschenkt haben, hat es vordergründig funktioniert.

Wir konnten bei der Geschäftsleitung nicht punkten, indem wir sagten, wir bräuchten eine große Anlage und 50 neue Bildschirmarbeitsplätze für zwei Millionen Mark. Dann besäßen wir heute noch keine EDV. Wir mussten uns vielmehr ganz langsam herantasten und Überzeugungsarbeit dahingehend leisten, dass man mit neuen Technologien Geld sparen kann. So sind wir peu à peu in die IT-Thematik hineingewachsen.

ITM: Gab es auch hier ein Ereignis, das ein Umdenken bewirkte?
Schmelzer:
Der Aha-Effekt setzte ein, als der Geschäftsleitung klar wurde, dass wir aktuelle Kennzahlen liefern konnten. Diese Erkenntnis, die natürlich bereits fast zwei Jahrzehnte zurückliegt, weckte die Bereitschaft, in die IT zu investieren.

ITM: Wie oft ermitteln Sie heute Ihre Kennzahlen?
Schmelzer:
Wir können sie mit unserer Business-Intelligence-Software monatlich, wöchentlich und täglich ermitteln.

ITM: BI galt bislang als eher nicht mittelstandstauglich. Worin liegt der Hauptnutzen für Graupner?
Peichl:
Im Grunde wäre diese Implementierung nicht notwendig gewesen. BI kann nur dann hilfreich sein, wenn man das System auch nutzt – was  bei uns nicht der Fall ist. Als Insider, die seit zwei Jahrzehnten im Unternehmen tätig sind, kennen wir das Ergebnis einer Auswertung, bevor wir sie auf dem Tisch haben. Das liegt daran, dass wir zum einen 80 Prozent unseres Umsatzes mit 20 Prozent der Kunden machen und zum anderen garantiert auch 80 Prozent unseres Umsatzes mit 500 Artikeln erzielen, was ebenfalls ca. 20 Prozent sind. Der Rest sind Begleitartikel, ohne die sich die 500 Hauptartikel nicht verkaufen ließen.
Schmelzer: Je besser man sein Geschäft kennt, desto weniger braucht man BI.

ITM: Bietet nicht schon die ERP-Software Möglichkeiten der Auswertung?
Schmelzer:
Selbstverständlich. Der Vorteil des System i ist die integrierte DB2-Datenbank. Mit der Maschine wird ein Query-Tool ausgeliefert, das sich mit allen Nebensystemen verknüpfen lässt, sodass man jede erdenkliche Auswertung erhält. Da braucht man kein BI.

Peichl: BI-Auswertungen sind immer dann interessant, wenn man sie den Vertriebsmitarbeitern zugänglich macht, insbesondere zeitliche Vergleiche. Mithilfe dieser Auswertungen kann man die Mitarbeiter besser steuern, indem man ihnen nahelegt, sich um bestimmte Händler oder bestimmte Warensortimente intensiver zu kümmern.

ITM: Aus Richtung der AS/400 bzw. des System i hört man allenthalben, es bestünde Fachkräftemangel. Zudem sei es ein proprietäres System, das auszusterben drohe. Betreiben Sie nun neueste Technologien auf einer totgesagten Plattform?
Schmelzer:
Die AS/400 setzen wir seit 20 Jahren ein. Solange die Maschine weiterentwickelt und die Anwendungen weiterhin unterstützt werden, bleiben wir dabei. Unsere Maschine ist topaktuell und läuft hochperformant.

Es gibt einen ziemlich reichhaltigen Bestand an RPG-basierter Software. Bis jetzt und auch absehbar können wir die anstehenden Anforderungen problemlos mit dem System i umsetzen.

ITM: Wie ist es um die Weiterentwicklung Ihres ERP-Systemes bestellt. Ist die für die kommenden Jahre gewährleistet?
Schmelzer:
Ich habe keine große Angst, in näherer Zukunft ohne Support dazustehen. Allerdings müssen wir die Entwicklung im Auge behalten. Wenn es wirklich dazu käme, dass der Support eingestellt würde, könnten wir mit unseren Ressourcen etwa anderthalb Jahre überstehen, bis ein neues Projekt auf der Schiene wäre.  

 

Martin Schmelzer (re.)
Alter:
53
Werdegang: mehrere Jahren in der DV-Beratung mit Schwerpunkt mittlere Datentechnik Bereich Logistik und Fertigung, seit 1989 bei Graupner, danach Aufbau der EDV bei Graupner
Derzeitige Position: verantwortlich für DV ­und Logistik
Hobbys: Jagd, Weinbau

Roland Peichl

Alter: 55
Werdegang: Lehre als Industriekaufmann bei Daimler-Benz 1972 bis 1974, betriebswirtschaft­liches Studium an der FHW Pforzheim mit Abschluss als Dipl.-Bertriebswirt (FH) 1978, 1979 bis 1986 betriebswirtschaftlicher Berater im Fach­verband H+K Baden-Württemberg, von 1987 bis März 2009 Export Manager bei Graupner
Derzeitige Position: seit April 2009 Marketing-Leiter bei Graupner
Hobbys: Modellflug seit 1966, manntragende Fliegerei mit PPL Blatt A und B (Motorflugzeuge bis 2 Tonnen und Motorsegler), Windsurfen, ­Motorradfahren, Skifahren.

 

Die Graupner GmbH & Co. KG
Gegründet wurde das heute 186 Mitarbeiter starke Unternehmen bereits 1930 als Holzhandlung in Stuttgart. Die spätere Spezialisierung in Richtung Modellbau ist der Modellbauleidenschaft des heutigen Senior-Chefs geschuldet, der die Geschäftsleitung aufgrund des Todes seines Vaters bereits im Alter von 21 Jahren übernommen hatte und später den Umzug nach Kirchheim/Teck vollzog.

Bemerkenswert: Graupner macht den Großteil seines Umsatzes nicht mit den eigentlichen Modellbausätzen als vielmehr mit Fernsteuerungen und sämtlichem elektronischen Zubehör. Den Grund sieht Roland Peichl darin, dass Bausätze grundsätzlich auch von Einmannfirmen angeboten werden könnten. Diese Firmen könnten allerdings bei weitem nicht an die Expertise heranreichen, die Graupner sich über die Jahre auf dem Gebiet der Elektronik und Programmierung, der Ladetechnik und Fahrtregelung aufgebaut habe.

 

In einem Tochterunternehmen …
… in Ecuador arbeiten weitere 70 Mitarbeiter in der reinen Holzverarbeitung – vom Pflanzen über die Aufzucht bis zum Ernten nach fünf bis sechs Jahren. Für den Modellbau kommt nur Balsaholz infrage, das aufgrund klimatischer Gegebenheiten nur in Ecuador und Neuguinea wächst. Dieses Tochterunternehmen betreibt nachhaltigen Anbau auf ehemaligen Kakao- oder Bananenplantagen, die landwirtschaftlich anderweitig nicht mehr wirtschaftlich genutzt werden konnten.


ANZEIGE

ANZEIGE