Um es vorwegzunehmen: Der Einsatz von Open-Source-Software wird im unternehmerischen Umfeld mittlerweile genauso unter Kosten/Nutzen-Aspekten ins Kalkül gezogen wie die Implementierung proprietärer Produkte. Kein IT-Leiter im Mittelstand kann es sich heute mehr leisten, aus emotionalen Gründen oder gar aus Neugierde Applikationen im geschäftskritischen Umfeld zu installieren. Letztlich würde er damit vor allem die Durchgängigkeit der Anwendungslandschaft aufs Spiel setzen. Das muss er aber auch gar nicht, denn ebenso wie der FC St. Pauli erkannt hat, dass selbst er trotz obligatorischer Piratenflagge ohne modernes Stadion kein Geld verdienen kann und keine Chance im Profifußball haben wird, so haben verschiedenste IT-Anbieter erkannt, dass die Implementierung von Open-Source-Software durchaus rentabel sein kann.
Heute haben neben vielen kleinen IT-Unternehmen und Dienstleistern die einstmals „bekämpften“ Großen wie IBM, SAP und Sun kommerzielle Open-Source-Produkte mit standardisierten Schnittstellen im Angebot, mit denen sie um die Gunst der Anwender buhlen. Selbst Microsoft befasst sich immer mal wieder mit der Freigabe von Source Codes (und tut dies mittlerweile auch). Die Argumente im Sinne der Kundschaft: keine Lizenzkosten, weitgehende Herstellerunabhängigkeit und eine große Entwicklergemeinde. Die Frage ist nur, inwieweit die Umworbenen diesen Argumenten folgen. Denn wäre alles umsonst, würden sich nicht so viele Anbieter in diesem Segment engagieren. Der springende Punkt ist die Dienstleistung um die Produkte herum, mit der die IT-Profis ihr Geld verdienen.
Anderes Geschäftsmodell mit professionellen Partnern
„Open Source basiert eigentlich nur auf einem anderen Geschäftsmodell als proprietäre Software – mit genauso professionell agierenden Partnern. Wir bezahlen bei OS nicht für Lizenzen, sondern für Dienstleistung“, bringt es Rainer Thieringer (siehe Foto rechts), Leiter Software-Entwicklung bei der Trumpf Laser GmbH + Co. KG, auf den Punkt. Er war sich völlig im Klaren darüber, kurzfristig mit Open Source kein Geld sparen zu können, da er in die Integration und Entwicklung investieren musste. Trotzdem geht er davon aus, dass die Zahlungen an seine IT-Dienstleister die Lizenzkosten proprietärer Software unterschreiten werden: „Auf längere Sicht ergibt sich ein deutlich besseres Kosten/Nutzen-Verhältnis zugunsten von Open Source.“ Vielleicht schlägt das Pendel in seinem Falle auch deshalb nutzenseitig in Richtung Open Source aus, weil Rainer Thieringer mittlerweile auf ein externes Expertennetzwerk zurückgreifen kann, das ihm die Weiterentwicklung der bei Trumpf eingesetzten Applikationen erleichtert.
Die Aussagen von Rainer Thieringer decken sich mit denen von Dr. Michael Bark (siehe Foto rechts). Der Geschäftsführer des IT-Dienstleisters evodion registriert schon seit längerem das Schwinden der Erwartungshaltung, OS-Software müsse reibungslos funktionieren, dürfe aber keine Kosten verursachen: „Die bekannten Open-Source-Lösungen unterscheiden sich in Qualität, Stabilität, Weiterentwicklung, Releaseplanung oder Vermarktung kaum von kommerziellen Produkten.“ Dabei sei unter professionellen Anwendern allgemein bekannt, dass OS-Produkte nicht kostenlos sind, sondern nur lizenzkostenfrei, und dass die Lizenzkosten nur eine Komponente im Gesamtkostenblock darstellten. Letzteres sollte in der ganzen Diskussion nicht untergehen, denn auch viele proprietär-kommerzielle Lösungen sind nicht einfach an einem Nachmittag implementierbar. Auch hierfür benötigen viele Mittelständler externe Unterstützung, plus hinterher anfallende Lizenzkosten.
Wenn nun relative Einigkeit dahingehend besteht, dass die Dienstleistung rund um Open Source ruhig etwas kosten darf, stellt sich die Frage, warum Mittelständler denn überhaupt auf quelloffene Software setzen – oder setzen sollten. Für Achim Cloer, Geschäftsführer der Cloer Elektrogeräte GmbH, waren die flexiblen Möglichkeiten von Open Source entscheidend. „Unser Ziel war es, die Geschäftprozesse von Cloer optimal und flexibel zu unterstützen. Dabei stellten sich auch immer wieder Anforderungen, die nicht out-of-the-box zu erfüllen sind. An diesen Stellen spielt OS aus unserer Sicht deutliche Vorteile aus. Außerdem erlaubt uns der Einsatz von Open-Source-Software eine einfache Skalierung, z.B. beim Aufbau neuer Büros, ohne dass wir durch ein komplexes Lizenzmanagement zusätzlichen Aufwand generieren müssten.“
Quelloffene ERP-Systeme eher nicht gefragt
In eine ähnliche Richtung argumentiert Rainer Thieringer. Für ihn standen zwei wichtige Faktoren im Mittelpunkt: erstens die an die Lebenszeit der Investitionsgüter angepasste lange Verfügbarkeit im Gegensatz zu proprietären Betriebssystemen und Softwarekomponenten; zweitens die Möglichkeit, bei Bedarf neue Anforderungen an jeder Stelle der Steuerungssoftware selber umzusetzen, da das Unternehmen im Rahmen der GPL oder ähn-licher Open-Source-Lizenzen ausreichend Rechte dazu habe.
„Durch Open-Source-Systeme lassen sich Abhängigkeiten von Herstellern reduzieren. Die haben naturgemäß ein hohes Interesse daran, den Kunden durch proprietäre Erweiterungen an sich und die eigenen, oft teuren Produkte zu binden“ weiß Dr. Bark. Open-Source-Software böten aufgrund offener Schnittstellen mehr Unabhängigkeit von den Herstellern und zudem mehr Flexibilität, um beispielsweise auf Marktschwankungen reagieren zu können. Der Einsatz proprietärer Software kann laut Barks Einschätztung auch dann zu Problemen führen, wenn ein Hersteller die Weiterentwicklung seiner Software nicht mehr gewährleistet oder den Support einstellt. Für diesen Fall wären die getätigten Investitionen gefährdet. „Die Verfügbarkeit des Quellcodes bei Open Source dagegen garantiert einen gewissen Investitionsschutz. Zudem sind eventuelle Sicherheitslücken oder sicherheitsrelevante Fehlfunktionen anders als bei kommerziellen Produkten vorab im Quellcode ersichtlich und können deswegen auch von der Community korrigiert werden“, weswegen man Open Source eine schnellere Verfügbarkeit von Sicherheits-Updates attestieren könne.
Damit wären wir bei den Einsatzbereichen von Open Source. Weitgehende Einigkeit scheint bei den von uns befragten Experten und Anwendern darüber zu herrschen, dass quelloffene Software gerade auf der Infrastrukturebene „nahezu alle Bereiche erobert hat und immenses Potential bietet“, wie Alfred Schröder (siehe Foto rechts), Geschäftsführer des IT-Dienstleisters Gonicus, es formuliert. Ihm pflichtet Dr. Michael Bark bei und nennt als Beispiele das Betriebssystem Linux, den Applikationsserver Tomcat oder die Datenbanken MySQL und PostgreSQL. Auch Applikationen auf Basis von Java und PHP eigneten sich in seinen Augen ideal für den Einsatz in mittelständischen Unternehmen. Bei geschäftskritischen Applikationen wie ERP-, Business-Intelligence- oder Customer Relationship-Systemen mahnt er allerdings Zurückhaltung an: „Da es für Mittelständler vorrangig darum geht, einen stabilen Betrieb mit wenigen Ressourcen zu gewährleisten, ist es ratsam, die sehr dynamische Entwicklung auf diesem Gebiet noch ein wenig abzuwarten und anderen die Pionierarbeit zu überlassen.“ Auf der anderen Seite zeichne sich aber heute schon ab, dass einige Anbieter im Bereich BI und CRM in naher Zukunft einen angemessenen Reifegrad erreichen werden.
Und auch hier herrscht wieder eine erstaunliche Übereinstimmung, denn auch Alfred Schröder von Gonicus erkennt insbesondere im CRM-Bereich zuletzt positive Entwicklungen. Den Grund, warum das OS-Konzept im Infrastruktursegment, beispielsweise für Webserver, besser greife als im ERP-Sektor sieht Schröder in der breiten Anwenderbasis auf der einen, der Infrastrukturseite, und dem eingeschränkten Nutzerkreis auf ERP-Seite. Vor diesem Hintergrund könne man auch nachvollziehen, dass der Einsatz von Open Source für hochspezialisierte Unternehmensanwendungen nur bedingt möglich sein kann, meint Alfred Schröder. Gonicus-Kunde Achim Cloer bestätigt ihn eins zu eins: „Open-Source-Software kommt bei uns in erster Linie im Bereich der Infrastruktur zum Einsatz. Das erstreckt sich von File-Services, Authentifizierungs- und Internetdiensten über die Absicherung von virtuellen privaten Netzwerken zur Anbindung unserer Auslandsniederlassungen bis hin zur kompletten Telefonie (Voice over IP) auf Basis von Asterisk. Im Bereich ERP oder CRM setzen wir aber definitiv nicht auf OSS.“
Mischform aus freier Software und kommerzieller Dienstleistung
Rainer Theininger würde immer dann auf Open-Source-Software setzen, wenn lange Verfügbarkeit und offene Standards erforderlich sind. Insbesondere wenn die Software in hoher Stückzahl zum Einsatz kommt, rechnet sich der Mehraufwand für Einführung und Betreuung seiner Meinung nach sehr schnell: „Für kurzlebige Produkte wie Desktop-Applikationen ist kommerzielle Software oft besser geeignet.
CRM oder ERP scheinen mir prinzipiell gut geeignet, allerdings mangelt es womöglich an einem Produkt mit ausreichender Community und möglichst einer Firma dahinter.“ Ein Mischmodell mit Unternehmen und Community, so wie MySQL es bietet, findet er sehr interessant. Denn dann habe man die Substanz einer Entwicklungs- und Marketingabteilung als Motor, sei aber trotzdem nicht in Abhängigkeit vom wirtschaftlichen Erfolg und der zukünftigen Ausrichtung dieser Firma abhängig.
Ein letzter Tipp aus der Praxis, der diese These untermauert. Die Betreiber der Online-Möbelplattform woonio.de setzen zur Befüllung ihrer Webseite auf das quelloffene Content-Management-System Oxid eShop. Diese Software wurde im Gegensatz zu dem weit verbreiteten Typo3 von einem Hersteller vorangetrieben. Woonio-Geschäftsführer Roland Waedt kommt zu einem eindeutigen Urteil: „Vergleicht man die beiden OS-Produkte OXID eShop und Typo3 nach ihrem Pflegeaufwand, wird für letzteres tatsächlich ein IT-Begeisterter benötigt. Deshalb gilt auch für CMS der Tipp, nach einem herstellergetriebenen System Ausschau zu halten – dann braucht man auch kein IT-Freak zu sein und kann selbst ein Template anpassen ohne große Agenturkosten.“
Für mittelständische Unternehmen scheint sich die Mischform aus quelloffener und dennoch herstellerbetreuter und -weiterenwickelter Software als eine durchaus praktikable Alternative zu etablieren. Open-Source-Anwender wird man heute im Geschäftsumfeld also weniger aus Revoluzzer-Gründer als vielmehr deshalb, weil es sich in vielen Fällen um gute, stabile und moderne Lösungen handelt.
Quelle: Techconsult; Hochrechnung auf Basis von 180 Interviews mit deutschenUnternehmen mit 20 bis 999 Mitarbeitern