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Noch keine Massenbewegung

Von: Johannes Kelch

Cloud Computing fand hierzulande bisher nur wenige Freunde. „Deutschland weitgehend wolkenlos“ titelte Spiegel Online im Sommer 2009. Doch einzelne Unternehmen nutzen bereits „IT as a Service“. Hochschulinformatiker rechnen mit einem zunehmenden Angebot professioneller, sicherer und kostengünstiger Services – auch für Mittelständler.

Die Job AG, ein 2002 gegründeter Personaldienstleister, verzichtet seit 2008 komplett auf eine eigene IT-Abteilung, Hardware und gekaufte Softwarelizenzen. Die etwa 280 Mitarbeiter in rund 65 Niederlassungen holen je nach Bedarf eine Software für die Zeitarbeit, Microsoft Office und Exchange sowie für bestimmte Projekte monatlich hinzugebuchte Programme wie MS Visio auf den Bildschirm eines geleasten PC oder Thin Client. Die Software kommt über ein Corporate Network aus einer Terminal-Server-Farm in einem Rechenzentrum, dem Pironet NDH Datacenter in Hamburg, in die Job-Büros.

Wigbert Biedenbach

„Nun sind wir in der Lage, neue Standorte im Plug&Play-Verfahren anzuschließen, im Handumdrehen kann eine betriebsbereite Infrastruktur für beliebig viele Mitarbeiter zu Verfügung gestellt werden“, begründete der Vorstandsvorsitzende Wigbert Biedenbach (siehe Foto rechts) im August 2008 die Entscheidung für SaaS gekoppelt mit Infrastruktur as a Service (IaaS).

Pro Mitarbeiter, Monat und Programm bezahlt die Job AG einen vereinbarten Betrag an Pironet NDH. Der Vorteil für den Personaldienstleister: Bei fehlenden Fixkosten ist parallel zur Geschäftsentwicklung viel oder wenig für die IT zu bezahlen.

Roland Vollmer

Wie IT-Manager Roland Vollmer (siehe Foto rechts) – ein externer Berater – betont, hat diese Cloud-Lösung im Vergleich zur früher in Eigenregie betriebenen IT zu einer „wesentlichen Qualitätsverbesserung mit höherem Leistungsumfang, höherer Verfügbarkeit, schnelleren Reaktionszeiten und gesteigerter Nutzerrzufriedenheit“ geführt.

Maurus Panfil

Der kaufmännische Leiter der Job AG, Maurus Panfil (siehe Foto rechts), beziffert die Gesamtkostenersparnis auf „rund 20 Prozent“. Es habe sich bewährt, sämtliche  IT-Angelegenheiten wie Datenschutz, Rechenzentrumsbetrieb und Netzwerk an kompetente Dienstleister zu vergeben, so Panfil.

Die Verlagerung der IT in die Wolke ist – Stand Mai 2010 – allerdings untypisch für den deutschen Mittelstand. Nach Beobachtungen von Steve Janata (siehe Foto rechts unten), Senior Advisor der Experton Group, nutzen Unternehmen bislang vorwiegend sicherheitsunkritische Services von Cloud-Anbietern, so etwa Customer Relationship Management as a Service und Collaboration-Tools. Wie eine Befragung der Experton Group unter dem Titel „IT as a Service“ im Jahr 2009 ergab, ist die größte Befürchtung der Anwender, dass sie ihre Daten – etwa bei einem Streit mit dem Anbieter – nicht mehr aus der Cloud herausbringen.

Steve Janata

Die Zurückweisung von Cloudservices noch im Frühherbst 2009 ist jedoch laut Steve Janata bereits einem wohlwollenden Interesse gewichen. Janata sieht die Schnelligkeit der Implementierung als einen großen Vorteil für Anwender. Mit Cloud-Services könnten Mittelständler neue Anwendungen schon nach vier Wochen nutzen, während eigene Entwicklungen meist viele Monate beanspruchten. Die Experton-Group rät Unternehmen, Cloud-Aktivitäten nicht in der „Public Cloud“ der großen amerikanischen Anbieter zu entfalten, sondern in einem deutschen Rechenzentrum.

Cloud Computing ist ein weites Feld. Eine allgemein anerkannte Definition existiert nicht. Im Wesentlichen handelt es sich um Dienste, die lediglich nach Bedarf bezogen und bezahlt werden: Software, Storage, Entwicklungsplattform, Infrastruktur, Sicherheit, Integration, Rechenleistung – einzeln oder in Kombination als mehr oder weniger komplette IT sind „as a Service“ zu mieten und nach Verbrauch zu bezahlen.   

Nach Einschätzung des Bitkom steht Cloud Computing noch am Anfang. Ein 2009 erschienener Leitfaden zum Thema bringt das so auf den Punkt: „Auf niedrigen Wertschöpfungsebenen gelten Cloud Services bereits als ausgereift.“ Mathias Weber, Bereichsleiter IT-Services bei Bitkom, ergänzt, Cloud Computing sei noch „keine Massenbewegung“. Etliche Unternehmen experimentierten mit den Möglichkeiten. Demnächst will Bitkom unter dem Titel „Atlas Cloud Computing Deutschland“ vielfältige Anwendungsbeispiele präsentieren.

So manche bereits realisierte Cloud ist eher eine unfreiwillige Karikatur der Service-Philosophie. So müssen SAP-Anwender ihre Softwarelizenzen mit ins Rechenzentrum bringen, wenn sie von dort im Rahmen des Outsourcing ihre ERP-Software „aus der Steckdose“ beziehen wollen. Erst dann, wenn dereinst die Bemühungen um „Business by Design“ zu einem Erfolg geführt haben sollten, wird es auch Kunden von SAP möglich sein, anstelle von Lizenz- und Wartungsgebühren ausschließlich für ERP-Nutzung nach Verbrauch zu bezahlen. Bei T-Systems nutzt bereits jedes zweite gehostete SAP-System Cloud Computing in Gestalt von „Dynamic Services“, in deren Rahmen sich Speicherplatz, Bandbreite sowie Rechner- und Applikationskapazitäten am Bedarf des Kunden ausrichten.

Jan Wildeboer

Jan Wildeboer (siehe Foto rechts) von der Open-Source-Firma Red Hat (Linux) sieht im „Cloud Computing“ einen „Marketing-Slogan, der von jedem überall draufgepappt wird“ und so viel bedeute wie „Alles as a Service“. Auch Red Hat hat sich mit Klebstoff eingedeckt: „Open Cloud Access“ ist jetzt untrennbar mit Linux-Firmenlizenzen verbunden. User können ihre Linux-Lizenzen jetzt auch in einer Cloud einsetzen. Als lohnendes Einsatzfeld nennt Wildeboer „Softwaretests mit 1000 Instanzen“ in der Public Cloud. Zudem könne man die internen Rechenkapazitäten etwa bei aufwendigen Projekten problemlos in der Cloud erweitern, der Red-Hat-Mann spricht von „Loslegen in der Cloud“  als Alternative zum zeitaufwendigen und teueren Beschaffen und Einrichten eigener Rechner.

 „Allererste Sahne an Sicherheit“


Neben dem Begriffswirrwarr um das metaphorische (bildliche, nicht technische) und damit unwissenschaftliche Wort „Cloud Computing“, kritisieren Marktforscher und Anwender die Unsicherheit des „Klautcomputing“. Hierzu hat das Fraunhofer-Institut für Sichere Informationstechnik SIT 2009 eine Studie mit einem frappierenden Ergebnis veröffentlicht. Es habe sich gezeigt, so die Sicherheitsexperten, dass kleine und mittlere Unternehmen trotz unbestreitbarer Risiken ihre Sicherheit durch den Einsatz von Cloud-Services erhöhen könnten. Die Unternehmen, so Projektleiter Werner Streitberger vom SIT, „können Sicherheitslösungen als Service von spezialisierten Anbietern beziehen und von deren Erfahrung beim Implementieren und Betreiben sicherer Services profitieren«. Anwendern empfiehlt das SIT, sich keinesfalls mit rudimentären „Sicherheitsgarantien“ von Cloud-Anbietern zufrieden zu geben.

Klassisches Beispiel von Werner Streitberger für einen möglichen Sicherheitsgewinn ist der E-Mail-Server. Im Vergleich zur selbstgebastelten Lösung eines Systemadministrators böten die Anbieter von E-Mail-Cloudlösungen „allererste Sahne an Sicherheitsmechanismen“. Es sei eine Frage der „Risikobereitschaft“, so Streitberger, ob man einem der großen amerikanischen Anbieter vertraue oder einer kleineren Firma mit deutschem Rechenzentrum, die nicht unbedingt so günstig anbiete wie die US-Firmen.

 

Dr. Jens Nimis

Der Informatiker Dr. Jens Nimis (siehe Foto rechts), Abteilungsleiter am FZI Forschungszentrum Informatik Karlsruhe, hält nichts davon, das Cloud Computing mit der Sicherheitsdebatte „zu erschlagen“. Nimis wörtlich: „Die meisten Sicherheitsprobleme lassen sich mit verfügbaren Techniken aus anderen Kontexten adressieren, die an die Cloudtechnologie adaptiert werden müssen.“ Je nach Anwendung sei es auch möglich, Cloud-Services zu nutzen, ohne sensible Daten außer Haus zu geben. Das FZI hat in einem Projekt untersucht, wie sich Cloud Computing ökonomisch rechnet. Auf Basis der Forschungsergebnisse rät Jens Nimis mittelständischen Unternehmen, im Einzelfall auszurechnen, ob sich gemietete Services auszahlten. Nach der Faustregel des Informatikers lohnt sich der „Umzug“ ins Cloud-Rechenzentrum nicht, wenn die Systeme eines Unternehmens bei „gleichbleibender Last“ laufen. Bei starken Lastschwankungen, etwa durch Reporting-Anwendungen oder CAD- und Simulationsrechnungen, kämen gemietete Services eher in Frage. Nimis prognostiziert, dass Mittelständler künftig „einzelne Systemfunktionalitäten mit hoher oder gelegentlicher Last“ bei Bedarf als Service von außen beziehen werden.

Neben der Optimierung der Technik im Detail widmet sich die Karlsruher Forschungsgruppe der Suche nach neuen Geschäftsmodellen für das Cloud Computing. Eine von zahlreichen Ideen, die zu einer Minimierung der IT-Kosten beitragen könnte: redundante Spiegelung von kritischen Inhouse-Systemen in der Cloud. Ausgefallene Systeme können hierbei vorübergehend durch ihre Replikate ersetzt werden. Der Vorteil wären geringe Ausfallzeiten. Was heute für Unternehmen jeder Größenordnung an Cloud-Services nutzbar ist, hat das Cloud Research Lab der Hochschule Furtwangen erforscht. Dessen Leiter, Professor Christoph Reich, unterstreicht, es lohne sich für den Mittelstand, vor allem sicherheitsunkritische Anwendungen zur Miete zu beziehen, die zeitweilig oder kurzfristig benötigt würden. Als Beispiele nennt Reich Videokonferenzsoftware sowie Visualisierungs- und Statistiktools. Reich kennt bereits erste Softwareanbieter, die ihre Produkte „als flexible, gekapselte und modularisierte Services“ bei einem Drittanbieter mit Service Level Agreements hosten. Der Informatiker sieht hier die Chance für Anwenderunternehmen, Lizenzkosten zu vermeiden. Stichwort  Überlizensierung.

Server-Hosting in der Cloud lohnt sich nach Erfahrungen aus Furtwangen derzeit nur bei kurzfristigen Aktivitäten. Um herauszufinden, ob neue Studenten einen Brückenkurs benötigen, stellen die Cloud-Informatiker der Hochschule für einige Wochen einen „Einsteigertest“ in die „Public Cloud“ (bei Amazon). Alle Angebote, die länger als ein Jahr im Netz bleiben, werden jedoch in der „internen Cloud“ der Hochschule gehostet, da dies geringere Kosten verursacht.

 

ERP aus der Steckdose bei Getriebehersteller IMS Gear


++ IMS Gear ist ein 140 Jahre altes Unternehmen aus dem Schwarzwald, das sich auf Zahnrad- und Getriebetechnik spezialisiert hat und heute überwiegend Automobilhersteller beliefert. Neben dem Stammsitz in Donaueschingen arbeiten weitere Werke in Deutschland, Mexiko und in den USA. Noch plant das Unternehmen seine Fertigung mit ERP-Software von Infor, doch im Werk Gainesville im US-Bundesstaat Georgia ist bereits eine andere ERP-Software des US-Anbieters Plex „as a Service“ im Einsatz.

Da man im Schwarzwald auf eine bessere Abbildung der Produktionsprozesse und des Qualitätsmanagements sowie mehr Flexibilität in der Produktion Wert legte, begann Geschäftsführer Clemens Rosenstiel vor einigen Jahren mit der Suche nach einer neuen ERP-Software. Am Ende machte das bereits im Unternehmen bekannte und offenbar bewährte US-Produkt „Plex-Online“ das Rennen. Rosenstiel begründet die Entscheidung zugunsten von Plex mit dem „umfassenden Funktionsangebot“, der möglichen „Konsolidierung von Daten aus all ­unseren Produktionsstandorten“ sowie der „sicheren Infrastruktur“. Der Beginn des produktiven Betriebs ist in Donaueschingen Ende 2010 geplant.

Plex-Online ist eine umfassende ERP-Software, die ausschließlich in mächtigen Installationen in den Rechenzentren des Herstellers läuft und von zahlreichen Unternehmen je nach Bedarf genutzt und bezahlt wird. Zu den Kunden des 1995 gegründeten amerikanischen ERP-Spezialisten zählen nicht nur Automobil-Zulieferer, sondern auch Lebensmittel-Hersteller und Medizintechnik-Unternehmen – Firmen, die hohen regulatorischen Anforderungen gerecht werden müssen. In den  Rechenzentren von Plex  wird nach dem Sicherheitsstandard „SaaS70“ gearbeitet.

Nach einem „Softwaretestat“ ist Plex-Online mit den Bilanzierungsrichtlinien des Handelsgesetzbuchs HGB sowie mit den Regeln für Betriebsprüfungen vereinbar. Plex-Online bei IMS Gear im Schwarzwald wäre eines der ersten Beispiele für den Einsatz einer standardisierten ERP-Komplettlösung aus der Cloud (SaaS und IaaS) bei einem Unternehmen des gehobenen deutschen Mittelstands. ++

 

 

 

 


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