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30.05.2011
Zeitschriften, Unified Communications
Von: Dorothee Ragg

Schau mir in die Augen

Videokonferenzsysteme haben in den letzten Jahren Einzug in größere Unternehmen gehalten. Es stellt sich die Frage, ob der Mittelstand einen vergleichbaren Bedarf hat und ob es Lösungen gibt, die speziell auf die Anforderungen kleinerer Unternehmen zugeschnitten sind.


Spätestens seit dem Vulkanausbruch des Eyja-fjallajökull vor gut einem Jahr sind Videokonferenzsysteme in aller Munde. Der isländische Vulkan legte den Flugverkehr in weiten Teilen Europas lahm und sorgte damit für das Nachdenken über Alternativen zu herkömmlichen Meetings. Videokonferenzen führen im Gegensatz zu konventionellen Meetings zu einer Einsparung sowohl an Reisekosten als auch an Arbeitszeit. Christian Meyer untersucht in seiner Arbeit für das Kompetenzzentrum für Videokonferenzdienste an der Technischen Universität Dresden „Kosten und Nutzen von Videokonferenzen als Form der Online-Kollaboration“. Die Wirtschaftlichkeit eines Rollabout-Konferenzsystems legt er anschaulich anhand eines Fallbeispiels dar. Demzufolge amortisieren sich Investitionen von 12.000 Euro innerhalb von acht Monaten. Da Rohstoffpreise steigen, werden Reisekosten in Zukunft einen größeren Anteil an den Ausgaben für Meetings vor Ort ausmachen. Videokonferenzen stellen vor diesem Hintergrund eine echte Alternative dar.

Wer sich noch nicht mit Videokonferenzen auseinandergesetzt hat, mag sich große Konferenzräume in internationalen Unternehmen vorstellen, die mit riesigen Monitoren und dem nötigen Equipment ausgestattet sind. Doch Videokonferenzsysteme existieren in verschiedenen Formen, sowohl was die Hardware als auch die Übertragungswege betrifft. Zunächst gibt es einfache Telepräsenzlösungen zur Nutzung auf PC oder Notebook. Zur Übertragung von Sprache und Bild dienen dabei Mobilfunknetze oder das Internet. Auch existieren separate Videokonferenzanlagen, die in unterschiedlichen Größen skalierbar sind. Die Übertragung der anfallenden Video- und Sprachsignale findet ausschließlich zwischen den einzelnen Videokonferenzräumen und in Echtzeit statt. Die technischen Anforderungen der Konferenzanlagen etwa an die nötige Bandbreite sind höher, da qualitativ höherwertige Daten übertragen werden.

Die Hersteller von Videokommunikationslösungen bieten unterschiedliche Lösungen für mittelständische Unternehmen. Eric Le Guiniec, General Manager EMEA beim Anbieter Vidyo, beschreibt dessen Produkt: „VidyoOne wurde für kleine und mittlere Unternehmen konzipiert, die eine Lösung für Desktop-Videokonferenzen in Telepräsenzqualität benötigen.“ Die Lösung eigne sich für 100 Anwender und zehn gleichzeitig stattfindende Video-Sessions. Auch Aastra bietet eine Lösung für den Desktop. Laut Johannes Nowak, Business Development Manager bei Aastra, ist diese Bestandteil einer Unified-Communications-Suite (UC). Er erklärt: „Die Lösung erscheint auf der Benutzeroberfläche, die der Mitarbeiter bei Verwendung unserer Kommunkationslösung schon kennt und etwa für Computer Telephony Integration oder Instant Messaging nutzt.“

Bei Cisco setzt man sowohl auf kleinere Lösungen als auch auf Videokonferenzanlagen. Thomas Nicolaus, Head of Telepresence Video DACH, sagt: „Meist tendiert der Mittelstand nicht zu großen immersiven Rauminstallationen, sondern eher zu kleineren, flexibleren Systemen.“ Mit dem Begriff Immersion wird das Eintauchen in eine virtuelle Realität beschrieben. Thomas Nicolaus betont die Skalierbarkeit und damit die Einsatzmöglichkeiten der Konferenzsysteme für den Mittelstand. Die Videokonferenzlösung des Anbieters Avaya ist ebenfalls in deren UC-System integriert und ermöglicht so die Einbindung verschiedener Endgeräte. Markus Ernesti, einer der Avaya-Geschäftsführer, charakterisiert das Angebot: „Mit der Avaya Video Collaboration Solutions bieten wir eine Lösung an, die auf die Bedürfnisse von kleinen und mittleren Unternehmen abgestimmt ist.“

Ein wichtiger Punkt für mittelständische Unternehmen ist die Integration der Konferenzlösung in bestehende Systeme. Die Antworten der anbietenden Unternehmen hierzu fallen unterschiedlich aus und bleiben zumeist eher vage. Avaya verweist auf zusätzliche Hard- und Software-Angebote, etwa die Avaya Flare Experience, eine Software-Lösung, die auf einem Tablet-PC-ähnlichen Endgerät verfügbar ist. Markus Ernesti betont: „Die Videolösung sollte sich in die vorhandene UC-Lösung derartig integrieren, dass Videoverbindungen so einfach zu initiieren und zu führen sind wie Telefongespräche.“ Für ihn ist klar, dass Videoübertragung in HD-Qualität deutlich unter einer verfügbaren Bandbreite von 1 Mbit/s möglich ist. Johannes Nowak hebt hervor, dass für die Lösung von Aastra ein für IP-Telefonie geeignetes Netzwerk ausreichend ist.

Bandbreite ist gefragt

Grundsätzlich ist die Integration einer Telepräsenzlösung am PC natürlich einfacher und erfordert weniger Bandbreite als die einer Videokonferenzanlage. Thomas Nicolaus von Cisco merkt an: „Der wichtigste Treiber bei Videokonferenzen ist und bleibt das leistungsfähige Breitbandnetz, das die Telekommunikationanbieter vor massive Herausforderungen stellt. Cisco antwortet darauf mit Cisco Medianet, einer IP-basierten Videolösung, die das Bandbreitenmanagement vereinfacht.“ Davon abgesehen seien die Systeme von Cisco mit den Systemen anderer Anbieter interoperabel. Damit ist gemeint, dass Cisco-Systeme mit den Systemen anderer Hersteller kommunizieren können, um gemeinsame Videokonferenzen durchzuführen. Roland Russwurm, Geschäftsführer bei Andtek, hebt ähnlich wie Markus Ernesti hervor: „Videokommunikation soll für den Benutzer so einfach sein wie ein Telefongespräch.“ Er empfiehlt eine genaue Analyse der vorhandenen Kommunikationsinfrastruktur: „Dabei ist nicht nur die erhöhte Bandbreitenanforderung zu berücksichtigen, sondern auch die volle Integration von Quality of Service im Kommunikationsnetzwerk.“

Der Einsatz einer Videokonferenzanlage bei der Kässbohrer Geländefahrzeug AG zeigt, wie die Kommunikation zwischen verschiedenen Standorten eines Unternehmens vereinfacht werden kann. Bei Kässbohrer werden Geländefahrzeuge hergestellt. 450 Mitarbeiter verteilen sich auf Standorte in Deutschland, Österreich, Italien und der Schweiz. Nach dem Börsengang 1998 stieg Adolf Merckle in das Unternehmen ein. Im gesamten Merckle-Umfeld war bereits seit längerem eine Konferenzlösung von Tandberg installiert. Seit 2006 wird das Komplettsystem von Cisco eingesetzt. Besonders zur Beantwortung technischer Fragen erweist sich die Einführung als Gewinn. Die Zuschaltung von Experten kann unmittelbar erfolgen und so ist die nötige Fachkompetenz zumindest virtuell immer vor Ort. Zusätzlich ist es auch möglich, während einer Videokonferenz etwa Präsentationen und Excelsheets auszutauschen.

Da die Videokommunikation immer stärkeren Zuspruch erfährt, liegt die Frage nach der Zukunft des Telefons nahe. Werden Videokonferenzlösungen das klassische Telefon eines Tages ersetzen? Das schätzen die Experten der befragten Unternehmen sehr unterschiedlich ein. So sagt etwa Roland Russwurm von Andtek: „Zusätzlich zur klassischen Telefonie wird Video ein integraler Bestandteil zukünftiger Kommunikation sein. Dazu ist jedoch auch eine entsprechende Infrastruktur vonnöten, um die höheren Anforderungen der Videokommunikation abzudecken.“ Auch für Thomas Nicolaus wird die Telefonie nicht verschwinden: „Videokommunikation ist weniger als Ersatz für die Telefonie gedacht, sondern vielmehr für persönliche Face-to-Face-Meetings – das Telefon wird weiterhin fest als Kommunikationsinstrument für Individualgespräche bestehen bleiben. Allerdings werden Videokonferenzlösungen die bisherige Notlösung Telefonkonferenz ablösen.“

In Zukunft

Anders schätzt Eric Le Guiniec die Zukunft der Telefonie ein. Er betont: „Unternehmen, die für die Zukunft planen, müssen jetzt auf die Qualität der Lösungen achten und die Tatsache berücksichtigen, dass sich Technologien heute sehr schnell entwickeln und der Bedarf an Mobilität weiter steigt.“ Technolo-gische Entwicklungen würden dazu beitragen, dass Videokommunikation so bedeutend werde wie die klassische Telefonie. Demzufolge wird die Videokommunikation die Telefonie nicht ablösen, sondern eine vergleichbare Bedeutung gewinnen. Diese Sicht teilt auch Johannes Nowak von Aastra: „Wir gehen nicht davon aus, dass Videokommunikation die herkömmliche Telefonie in absehbarer Zeit komplett ersetzen wird, sehen Videokommunikation aber als zwingenden Bestandteil einer modernen Kommunikationslösung.“

Inwiefern sich Videokonferenzanlagen im Mittelstand etablieren können, lässt sich nur schwer vorhersagen. Markus Ernesti von Avaya rechnet mit einem Mix aus unterschiedlichen Kommunikationsmedien und einem Wechsel zwischen den
jeweiligen Kommunikationskanälen. Der Geschäftsführer schätzt die Zukunft folgendermaßen ein: „Das führt auch dazu, dass – in Abhängigkeit von Inhalten und dem Kontext – Kommunikationskanäle während einer Sitzung gewechselt werden.“ Ein wichtiger Treiber sind für ihn die mit großen Displays ausgestatteten Endgeräte wie etwa Smartphones und Tablet-PCs, die der Videokommunikation „zum endgültigen Durchbruch“ verhelfen würden. Im Vergleich zur Telefonkonferenz liegen die Vorteile einer Videokonferenz klar auf der Hand. Denn wer sieht nicht gerne die Mimik und Gestik eines Gesprächspartners, anstatt sich einzig und allein auf die Stimme zu verlassen? 

Verfahren zur Videokomprimierung

Bei Videokonferenzen, die über Desktop am Arbeitsplatz stattfinden, wird zumeist ein anderes Verfahren zur Videokompression als bei umfangreicheren Videokonferenzlösungen verwendet. Das sogenannte Scalable Video Coding (SVC) kann mit Übertragungsnetzen genutzt werden, deren Verbindungsqualität und Übertragungsgeschwindigkeit Schwankungen unterliegt. Das SVC-Verfahren überträgt in Datenpaketen, denen unterschiedliche Prioritäten zugewiesen werden. So kommt es vor einem Totalausfall zunächst zu tolerablen Qualitätseinbußen. Das im Gegensatz dazu bei Videokonferenzanlagen eingesetzte Verfahren zur Videokompression ist in der Regel der ITU-Standard H.264. Grundlage ist ein hoher Kompressionsfaktor, der bei gleichbleibender Qualität eine Reduktion der Bitraten um bis zu 50 Prozent ermöglicht.

(Quelle: www.itwissen.info)

Unified Communications & Collaboration (UCC)

Zu den üblichen Kollaborations- und Kommunikationswerkzeugen zählen E-Mail, Instant Messaging und diverse Projektmanagement-Tools. UCC-Lösungen sorgen über eine gemeinsame UCC-Plattform für eine weitere Verknüpfung mit Kollaborationswerkzeugen wie File Sharing, Kalender-Tools oder Wikis. Videokonferenzen, die durch den Austausch von Dokumenten und andere UCC-Funktionen ergänzt werden, eröffnen eine noch umfangreichere Zusammenarbeit.

(Quelle: „UC meets Business“, Berlecon Fallstudienreport)

 

Bildquelle „Auge“: enot-poloskun/iStockphoto.com



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