29.08.2012
Unternehmen
Von: Dr. Oliver Grün

Kommentar von Dr. Oliver Grün, Bundesverband IT-Mittelstand e.V.

Wider den IT-Fachkräftemangel

Dr. Oliver Grün vom Bundesverband IT-Mittelstand e.V. kommentiert den aktuellen IT-Arbeitsmarkt und fordert Langzeitperspektiven statt schnellem Geld.


„IT-Spezialisten sollten nicht nur auf das Gehalt schauen, sondern auch auf die mittelfristigen und langfristigen Perspektiven, die ein Arbeitgeber bietet“, rät Dr. Oliver Grün, Präsident des Bundesverbandes IT-Mittelstand und Vorstand der Grün Software AG.

Die Informationstechnologie ist heute das wichtigste Werkzeug zur Organisation des operativen Geschäfts in Wirtschaft und Industrie. Deshalb betrifft der derzeit vorherrschende IT-Fachkräftemangel nicht ausschließlich die IT-Branche, die sich zu einem essentiellen Wirtschaftsfaktor entwickelt hat, sondern kann zu einer Konjunkturbremse für die gesamte Ökonomie werden. Ohne IT-Spezialisten ist die Wettbewerbsfähigkeit des Exportmeisters Deutschland gefährdet.

Deutschland droht der Abstieg als Hightech-Nation, wenn der IT-Fachkräftemangel nicht beseitigt werden kann. Doch dieser ist oftmals hausgemacht. Wer qualifizierte Mitarbeiter vorschnell entlässt, darf sich später nicht darüber beklagen, dass deren Fähigkeiten und Wissen für das Unternehmen verloren gegangen sind. Der IT-Mittelstand, meist durch inhabergeführte Betriebe geprägt, geht hierbei andere Wege. Im Gegensatz zu Firmen, die von angestellten Managern geführt werden, fühlt sich der mittelständische Unternehmer seinen Mitarbeitern gegenüber sozial verantwortlich und arbeitet ständig mit ihnen zusammen. Daher betrachtet er diese nicht nur als Kostenfaktor, der in Wechselwirkung mit fallenden Börsenkursen zur Disposition steht. Die Stärke des Mittelstands liegt neben der fachlichen Qualifikation im fundierten Wissen über die Branchen seiner Kunden, in soliden Geschäftsbeziehungen, verlässlicher Kommunikation und hoher Flexibilität. Hierbei spielen auch zuverlässige Mitarbeiter eine entscheidende Rolle.

Keine Bildungssackgasse

Daher werden im Mittelstand Mitarbeiter benötigt, die schnell und passend auf neue Herausforderungen und Kunden reagieren. Diese hohen Anforderungen können seitens der Unternehmen nicht mit einer „Hire and Fire“-Politik und einer eindimensionalen Leistungsrechnung aufgebaut werden. Vielmehr geht es um ein eingespieltes Team und um stetig wachsende Kompetenz der Mitarbeiter. Ein mittelständischer Unternehmer versteht daher seine Mitarbeiter als einen Wissensschatz und wird deren Stellen nicht leichtfertig abbauen. Im Gegenteil: Wer Mitarbeiter fordern will, muss sie auch fördern. Manche Kollegen beabsichtigen, sich auf höhere berufliche Positionen vorzubereiten. Für diejenigen, die leistungsfähig und wissbegierig sind und sich für Leitungsfunktionen qualifizieren wollen, darf es heute keine Bildungssackgassen mehr geben. Dem berufsbegleitenden Studium kommt eine wichtige Bedeutung zu, um Praxisnähe und Wissenstransfer zu integrieren.

Der Erfolg eines Mittelständlers gründet auch darauf, dass er seinen Mitarbeitern für ihre Flexibilität, Mobilität und Leistungsorientierung einen dauerhaften Entwicklungsraum mit Planungssicherheit im Beruflichen und Privaten anbietet. Daher sollten IT-Spezialisten nicht nur auf das Gehalt schauen, sondern auch auf die mittel- und langfristigen Perspektiven, die der Arbeitgeber bietet. Die hohen Gehälter mancher Großkonzerne kann der Mittelstand nicht bieten. Stattdessen erhalten die Mitarbeiter bei einer angemessenen Bezahlung zusätzlich ein Mehr an Verantwortung, Vertrauen und Arbeitsplatzsicherheit.

Ausbildung ist traditionell eine Angelegenheit des Mittelstands. Und es gilt auch weiterhin, den heimischen Nachwuchs heranzubilden. Das Verständnis für Informatik nicht als Nischenfach, sondern als entscheidende Querschnittsdisziplin der Zukunft muss bereits in der Schule aufgebaut werden. Die Zuwanderung ausländischer Fachkräfte sollte als Ergänzung hierzu gefördert werden. Bei inzwischen fast 40.000 fehlenden IT-Fachkräften sind schnelle Maßnahmen ein Gebot der Stunde. Mit der jetzt gestarteten Fachkräfteoffensive hat die Bundesregierung die Zeichen der Zeit erkannt.


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