04.06.2013
Interview, Supply Chain Management

Interview mit Christopher Nawrath, Solving Efeso

Über den Tellerrand schauen

Interview mit Christopher Nawrath, Manager und Supply-Chain-Experte bei Solving Efeso, über die Möglichkeiten einer „Operational Excellence“ in der Lieferkette


„Unternehmen müssen immer flexibler und schneller auf Kundenanforderungen eingehen“,

ITM: Herr Nawrath, welche Probleme und Herausforderungen müssen aktuell im Supply-Chain-Management-Umfeld (SCM) bewältigt werden?
Christopher Nawrath:
Eine derzeit typische Herausforderung ist die Sicherheit innerhalb der Lieferkette wie etwa das Sourcing erforderlicher Materialien und Rohstoffe. Hierbei ist das Just-in-Time-Verfahren ein Konzept, welches bereits in vielen Branchen umgesetzt wird. Um eine rechtzeitige Lieferung der Materialien sicherzustellen und zugleich möglichen Verzögerungsproblemen in der Lieferkette vorzubeugen, sind daher leistungsfähige und stabile Prozesse unabdingbar.
Ein weiterer wichtiger Aspekt ist der Kosten- und Leistungsdruck: Unternehmen müssen immer flexibler und schneller auf Kundenanforderungen eingehen. Dabei ist es wichtig, innerhalb der Lieferkette jederzeit anpassungsfähig zu sein, um schnell auf äußere Umstände oder Bedürfnisse reagieren zu können.

ITM: Welche Rolle spielt in diesem Zusammenhang die sogenannte „Operational Excellence“? Was genau verbirgt sich hinter dem Begriff?
Nawrath:
Operational Excellence ist als durchgängiges Optimierungsprogramm zu verstehen, bei dem der Kunde im Vordergrund steht. Jede einzelne Stufe in der Supply Chain, sprich Distributionszentren, Lager oder Produktionsstandorte, streben den perfekten Wertstrom an, um Kundenwünschen gerecht zu werden und gleichzeitig Qualität sowie Effizienz zu erreichen.

Operational Excellence ist im Produktionsumfeld bereits bekannt. Die Ausweitung auf weitere Bereiche der Supply Chain eröffnet Unternehmen großes Potential. Die Unternehmensstrukturen werden kundenorientiert ausgelegt. Das Erfüllen der Kundenanforderungen unter Einsatz optimaler Ressourcen in allen Prozessen wie Produktion, Administration, Logistik und somit auch in der gesamten Lieferkette sorgt für operative Effizienz und somit für eine Erhöhung der Wirtschaftlichkeit und Leistungsfähigkeit.

ITM: Inwiefern sind Verbesserungsprogramme in der Logistik für den Mittelstand relevant? Und wie groß ist das Interesse der mittelständischen Unternehmen?
Nawrath:
Insbesondere Logistikdienstleister haben natürlich ein großes Interesse an der kontinuierlichen Weiterentwicklung ihrer Abläufe und damit der Verbesserung ihrer Leistung und ihres Angebots. Die wenigsten Firmen kontrollieren ihre gesamte Lieferkette. Daher werden Kooperationspartnerschaften immer wichtiger. Komplexe Abläufe lassen sich mithilfe einer unternehmensübergreifenden Planung, Steuerung und Kontrolle in der Logistik bewältigen. Auch Produzenten, die eine starke Kontrolle ihrer Lieferkette benötigen, nutzen bekannte Konzepte und Anwendungen von Operational Excellence, um diese in ihrer Logistik anzuwenden und ihre Kundenversprechen zu erfüllen. Momentan beobachten wir, dass vor allem große Unternehmen dieses Thema für sich entdecken. Im Mittelstand ist die Weiterentwicklung jedoch sehr branchenabhängig.

ITM: Wer stößt Operational-Excellence-Programme in der Regel an?
Nawrath:
Normalerweise sind es der Vorstand oder die Geschäftsführung, die unter Einbeziehung der Gesamtkompetenz des Unternehmens und aller Mitarbeiter einen klaren Wettbewerbsvorteil durch Operational Excellence sehen.

ITM: Welche Initiativen existieren bereits?
Nawrath:
Unternehmen optimieren kontinuierlich ihre Distributions- und Transportprozesse sowie die Planungsprozesse bezüglich der Erfüllung der Kundenanforderungen. Insbesondere bei Themen wie Netzwerkauslegung, Planung und Kapazitäten setzen viele Unternehmen Initiativen um. Operational Excellence in der Logistik ist dennoch ein Feld, das bislang noch recht wenige mittelständische Unternehmen betreten. Ein Grund hierfür könnte die Angst vor der komplexen Herausforderung sein. Weitere mögliche Gründe sind Zeitmangel oder fehlendes Know-how. Daher sollten Unternehmen aller Größenordnungen auf das Wissen und die Erfahrung von Spezialisten setzen.

ITM: Wie sind die Initiativen ausgerichtet?
Nawrath:
Die Realität sieht so aus, dass die Kosten häufig im Vordergrund stehen und der Wert für den Kunden im Hintergrund. Derartige Initiativen sind von Aktivitäten geprägt. Hier gibt es viel unausgeschöpftes Potential: Unternehmen müssen eine klare Ausrichtung an die Anforderungen der Kunden realisieren.

ITM: Mit welchen Instrumenten und Methoden wird in einem Operational-Excellence-Programm gearbeitet?
Nawrath:
Bekannte Werkzeuge aus den Bereichen TPM und Lean können jene Programme in der Supply Chain unterstützen, genauso wie auch noch nicht so weit verbreitete Methoden wie die Wertstromanalyse über Unternehmensgrenzen hinweg. Zusätzlich ermöglichen Werkzeuge wie Sales und Operations Planning oder Prozess-Mapping auch die Realisierung komplexer Ziele – beispielsweise die optimale Balance von Auslastung, Beständen und Service. Voraussetzung ist natürlich ein bedarfsgerechter Einsatz und die Einbeziehung sämtlicher Hierarchieebenen.

ITM: Welche Aufgaben kommen dadurch auf die Teilnehmer einer Lieferkette zu?
Nawrath:
In erster Linie müssen sich die Teilnehmer einer Supply Chain konsequent mit der Umsetzung von Operational Excellence auseinander setzen und dies tatsächlich realisieren. Hierbei ist es wichtig, über den vielfach skandierten „Tellerrand“ zu schauen, um auch bereichs- und unternehmensübergreifende Potentiale zu erschließen. Ein weiterer Aspekt ist, kundenorientiert zu denken und dabei konsequent, diszipliniert, geduldig und umsetzungsstark den Weg zu beschreiten.

ITM: Wie schätzen Sie die Bedeutung von Operational Excellence in den zukünftigen Logistikprozessen des Mittelstands ein?
Nawrath:
Sie wird vor allem für die Unternehmen zunehmend wichtiger, für die die logistische Leistung als Versprechen an Kunden gilt und bei denen der Druck auf die optimale Balance zwischen Leistung und Kosten steigt. Auch die Entscheidung selbstständig zu handeln und dabei die Kontrolle zu behalten oder mit einem Partner zusammen zu arbeiten, wird Unternehmen mit Sicherheit künftig vor essentielle Entscheidungen stellen.


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