07.03.2012
Interview, IT-Finanzierung

Hajo Engelke, Debitos GmbH

Streuung des Risikos

Interview mit Hajo Engelke, COO der Debitos GmbH, über verschiedene Finanzierungsquellen und die passende Strategie für mittelständische Unternehmen, um IT zu finanzieren.


ITM: Herr Engelke, das wirtschaftliche Umfeld ist derzeit von Unsicherheiten geprägt. Sollten die mittelständischen Unternehmen somit erst einmal abwarten oder genau jetzt handeln und in IT investieren?
Hajo Engelke:
Selbstverständlich muss einer Investition in IT eine genaue Analyse der spezifischen Bedürfnisse vorausgehen. Unsere Erfahrung zeigt aber, dass IT sich in vielen mittelständischen Betrieben noch auf das Office-Paket und E-Mail beschränkt. Intelligente Systeme können Arbeitsabläufe automatisieren und vereinfachen und bergen daher erhebliches Potential für Kosteneinsparungen. Gleichzeitig stellt die Einführung neuer IT-Systeme eine große Herausforderung für sämtliche Mitarbeiter dar. Kosten und Nutzen müssen daher vor einer Investition genau eruiert werden.

ITM: Warum ist es risikoreich, auf nur ein Finanzierungsinstrument zu setzen?
Engelke:
Wenn Unternehmen auf nur ein einziges Finanzierungsinstrument setzen, dann begeben sie sich in eine extreme Abhängigkeit. Wenn die einzige Finanzierungsquelle unerwartet versiegt oder gekürzt wird, entstehen so oftmals erhebliche operative Probleme. Im schlimmsten Fall müssen lukrative Aufträge abgesagt werden, da Materialien nicht vorfinanziert werden können.

ITM: Welche Strategie empfehlen Sie und warum?
Engelke:
Eine Diversifikation des Finanzierungsmixes schafft unternehmerische Flexibilität und ist in der heutigen Zeit ein Muss. Dabei lassen sich langfristige und kurzfristige Finanzierungen unterscheiden. Zur Reduktion der Abhängigkeit von einzelnen Instrumenten und Streuung des Risikos sollten in beiden genannten Kategorien immer mehrere verschiedene Instrumente zum Einsatz kommen.

ITM: Welche Finanzierungsquellen bieten sich den Mittelständlern grundsätzlich, um kurzfristig Liquidität zu beschaffen?
Engelke:
An erster Stelle steht natürlich der Kontokorrentkredit, der von der Hausbank eingeräumt wird. Aber schon hier lässt sich das Risiko streuen, indem nämlich Beziehungen zu mehreren Banken unterhalten werden. Unternehmen mit größeren Vorratsbeständen können diese als Sicherheit bei Fremdkapitalgebern hinterlegen und sich so einen Kredit sichern. Darüber hinaus schlummert erhebliches Potential in Forderungen, die über sogenanntes Factoring gegen sofortige Liquidität verkauft werden können. Das Factoring-Unternehmen übernimmt die Ausfallwahrscheinlichkeit, verlangt aber einen Mindestumsatz sowie einen Rahmenvertrag, dem detaillierte und langwierige Bilanzprüfungen vorausgehen. Eine Forderungsbörse greift diese Vorteile auf, bietet aber mehr Flexibilität und unternehmerische Freiheiten. Last but not least bieten auch Leasing und Kosteneinsparungen Möglichkeiten der Liquiditätsschonung, die nicht vernachlässigt werden sollte.

ITM: Was verbirgt sich konkret hinter der Finanzierungsmethode „Verkauf offener Forderungen“ via Börse?
Engelke:
Zunächst muss ich hier den Begriff „offen“ spezifizieren: Hierunter sind neben den „frischen“ Forderungen nämlich auch bereits ausgefallene Forderungen zu verstehen. Auf einer Forderungsbörse wie Debitos lassen sich beide Arten an Forderungen handeln und so die Bilanz bereinigen. Verkaufende Unternehmen bestimmen einen individuellen Mindestpreis sowie die Dauer ihres Angebots. Da über einen einzigen Absatzkanal eine Vielzahl von potentiellen Investoren erreicht wird, die im Auktionsverfahren auf die Forderungen bieten, erhalten Unternehmer stets einen transparenten Marktpreis für ihre Forderungen. Der Clou aber ist, dass die Bonitätsprüfung vom verkaufenden Unternehmen auf den Schuldner übergeht und dadurch der Verkaufsprozess sehr effizient und schnell abläuft.

ITM: Welche Verkäufer bzw. Käufer sind bei diesem Modell zugelassen?
Engelke:
Als Verkäufer sind sämtliche Unternehmen mit Sitz in Deutschland zugelassen. Auf der Käuferseite lassen wir ausschließlich professionelle Unternehmen wie Banken, Factoring-Unternehmen, spezialisierte Fonds, Inkasso-Unternehmen und Rechtsanwälte zu.

ITM: Inwiefern ist es für Unternehmen überhaupt interessant, offene Rechnungen über eine Forderungsbörse zu verkaufen bzw. zu versteigern anstatt sich direkt an ein Factoring-Unternehmen zu wenden?
Engelke:
Bevor ein Factoring-Unternehmen einen Vertrag anbietet, überprüft es neben der Schuldnerstruktur des potentiellen Factoring-Nehmers auch detailliert dessen eigene Bilanz. Dies kann sich über mehrere Monate hinziehen. Darüber hinaus erwarten die meisten Factoring-Unternehmen einen Jahresumsatz von mindestens 500.000 Euro. Zusätzlich werden Rahmenverträge abgeschlossen, die eine Mindestlaufzeit von einem Jahr haben. Keiner dieser Schritte ist für den flexiblen Verkauf einzelner Forderungen über eine Forderungsbörse notwendig.

ITM: Welches Risiko geht der Verkäufer von Forderungen via Forderungsbörse ein? Inwiefern spielt hier vielleicht auch sein Image eine Rolle?
Engelke:
Das einzige Risiko des verkaufenden Unternehmens besteht darin, dass eine Auktion ohne Erreichen des frei wählbaren Mindestpreises ausläuft. Allerdings fallen in einem solchen Fall auf Debitos auch keinerlei Kosten an. Uns liegt daran, dem Mittelstand in Deutschland zu helfen. Daher ist es essentieller Teil unserer Philosophie, nur dann Gebühren zu nehmen, wenn wir den Forderungsverkauf auch zum Erfolg geführt haben. Da es sich bei Schuldnerdaten und Lieferantenbeziehungen um höchst sensitive Daten handelt, bieten wir auch einen sogenannten geschlossenen Bieterkreis an. Verkäufer erhalten eine Liste potentieller Käufer und laden nur diejenigen zu ihrer Auktion ein, die sie ausgewählt haben.

ITM: Warum sollte ein Unternehmen überhaupt offene Forderungen kaufen bzw. ersteigern?
Engelke:
Unsere Käufer sind ohne Ausnahme Experten in der Bewertung offener Forderungen und im Umgang mit säumigen Schuldnern. Dabei haben auch sie ihre Schwerpunkte auf verschiedenen Industrien oder geographischen Lagen. Sie wissen aber, dass verkaufende Unternehmen sich auf ihre jeweiligen Kernkompetenzen konzentrieren wollen. Genau das ermöglichen sie, indem sie beispielsweise den Aufwand des Mahnwesens bei ausgefallenen Forderungen übernehmen. Dies erfolgt auf eigenes Risiko der Käufer, da sie die Forderungen regresslos kaufen. Die Erfahrung aus den Realisierungsquoten spiegeln sich daher auch in den Geboten wider, welche die Käufer auf die einzelnen Forderungen oder Forderungspakete abgeben.

ITM: Wie ist es zu erklären, dass noch recht wenige Unternehmen die Vorteile von Factoring nutzen – gerade mal acht Prozent laut einer Unternehmensbefragung der KfW Bankengruppe im Jahr 2011?
Engelke:
Deutsche Unternehmen sind traditionell konservativ im Hinblick auf die von ihnen genutzten Finanzierungsmöglichkeiten. Außerdem besteht eine gewisse Reservation gegenüber einem Verkauf von offenen Forderungen. Fälschlicherweise wird oftmals angenommen, dass dies ein Instrument ist, das nur dann in Anspruch genommen wird, wenn es schlecht um die Bonität bestellt ist. Ein Blick nach Frankreich, UK oder Italien zeigt, dass Deutschland im Factoring Schlusslicht der vier größten Volkswirtschaften Europas ist. Daher kommt uns als Debitos auch eine erhebliche Bildungsfunktion zu, die Vorteile und Nachteile – die es natürlich auch gibt – des Factoring zu kommunizieren.

ITM: Zum Schluss ein Ausblick: Welche IT-Finanzierungsinstrumente werden Ihrer Meinung nach 2012 auf dem Vormarsch sein?
Engelke:
Wir denken, dass neben Leasing auch der Verkauf offener Forderungen – sowohl über Factoring als auch über die Forderungsbörse – weiter auf dem Vormarsch sein werden. Zwar gehen wir davon aus, dass Innenfinanzierung und der klassische Kredit der Hausbank auch am Ende des Jahres 2012 noch den Großteil der Finanzierung abdecken. Tendenziell wird aber u.a. auch wegen Basel III am ehesten bei den Krediten ein Rückgang zu verzeichnen sein.

Bildquelle: © edelmar


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