03.07.2012
IT-Dienstleistung
Von: Jessika Herrmann

IT-Freelancer in Unternehmen

Spezialwissen auf Zeit

Die Informationstechnologie entwickelt sich rasant weiter, wird komplexer und dabei spezieller. Um Schritt zu halten, müssen die Unternehmen ihre Systeme beständig ausbauen. Das Fachwissen für diese Modernisierungen ist oft sehr spezifisch und wird in vielen Fällen nur vorübergehend benötigt.


„Wir schlagen jedem Unternehmen zwei bis drei Freelancer vor, die genau auf den jeweiligen Bedarf passen“, berichtet Nikolaus Reuter, Vorstandsvorsitzender der Etengo (Deutschland) AG.

Deshalb holen sich Unternehmen immer häufiger Unterstützung durch externe Experten. „Grundsätzlich ist der Einsatz von IT-Freelancern dann sinnvoll, wenn ein Unternehmen zeitweilig hoch spezialisiertes Wissen für einen sehr eng definierten Kontext braucht“, erklärt Nikolaus Reuter, Vorstandsvorsitzender der Etengo (Deutschland) AG, die darauf spezialisiert ist, IT-Freelancer an Unternehmen zu vermitteln. „Einer unserer Kunden wollte z.B. innerhalb eines Vierteljahres sein SAP-System für die Zollabwicklung umstellen. Dafür brauchte er jemanden, der sich mit den geltenden Ausfuhrbestimmungen in Drittländer auskannte und diese in SAP abbilden und implementieren konnte. Die internen Mitarbeiter hatten diese Qualifikation nicht. Der IT-Freelancer, der schließlich einsprang, brachte Erfahrung zu genau diesem Themengebiet mit und konnte die Aufgabe erledigen.“

Im Durchschnitt unterstützen IT-Freelancer ein Unternehmen neun bis zwölf Monate lang. Bei sehr kurzen Laufzeiten – beispielsweise vier Wochen wegen krankheitsbedingtem Ausfalls eines Angestellten – lohnt sich der Einsatz eines externen Experten betriebswirtschaftlich nicht. Die Einarbeitungszeit im Verhältnis zur Beschäftigungsdauer ist hier schlicht zu lang – das kann auch der Wissensvorsprung des IT-Freelancers nicht aufwiegen. Bei Aufgaben, die eine sehr hohe Identifikation mit der Firma und einen dauerhaften Einsatz erfordern, sollten Unternehmen einen IT-Mitarbeiter zur Festanstellung suchen.

Geeignete IT-Freelancer finden

Unternehmen, die einen IT-Freelancer engagieren möchten, stehen schnell vor der Frage, wie sie den Experten finden, der genau über das Wissen verfügt, das sie für ihr Projekt benötigen. Hier helfen spezialisierte Personaldienstleister weiter. Sie nehmen die Anforderungen der Unternehmen auf und gleichen sie mit ihrem Freelancer-Pool ab. „Eine genaue Abgleichung von Bedarf einerseits und Expertise andererseits ist essentiell, schließlich hängt davon der Erfolg der Zusammenarbeit zwischen Unternehmen und Freelancer maßgeblich ab“, sagt Reuter. „Wir schlagen jedem Unternehmen zwei bis drei Freelancer vor, die genau auf den jeweiligen Bedarf passen. Manche Vermittler schicken zehn oder mehr Lebensläufe – die muss das Unternehmen aber sichten und dann eine eigene Entscheidung treffen. Das kostet Zeit und Geld. Weniger ist hier also mehr.“

Während Konzerne den Fokus auf das Fachwissen eines IT-Freelancers legen, haben mittelständische Unternehmen noch weitere Anforderungen: Beispielsweise soll der Kandidat menschlich in ihr Team passen und sich gut in die Mitarbeiterstruktur eingliedern. „Den Mittelständlern sind neben der Expertise auch soziale Kompetenzen wie Kommunikations- und Teamfähigkeit und freundliches Auftreten wichtig“, so Reuter. „Außerdem nehmen sie gerne Experten, die aus der Region kommen, kurze Anfahrtswege haben und die Kultur vor Ort kennen. Solche Wünsche nehmen gute Personaldienstleister mit auf und versuchen auch hier, die optimale Passung zu finden.“

Mittelständler engagieren die externen Kräfte eher selten, um nur Lastspitzen zu überbrücken. Meist geht es ihnen darum, spezielles Wissen gezielt ins Unternehmen zu holen. Ein solcher Know-how-Transfer will gut vorbereitet sein. Zum einen sollten die Unternehmen diesen Wunsch von Anfang an klar an den IT-Freelancer kommunizieren, damit dieser entsprechend agieren kann. Zum anderen müssen sie auch ihre eigenen Mitarbeiter unterrichten und vorbereiten – sei es, dass die Mitarbeiter Arbeitszeit für den Know-how-Transfer einplanen oder vorbereitende Planungen erstellen. In jedem Fall ist es wichtig, für den Transfer klare Ziele zu definieren, formale Vorgehensweisen festzulegen und diese dann auch umzusetzen.

Verträge und Honorare

Die Ausgestaltung des Vertrags zwischen Unternehmen und IT-Freelancer übernimmt der Personaldienstleister, der den Freelancer vermittelt hat. „Hier können beide Seiten von der Erfahrung der Vermittler profitieren“, sagt Reuter. „Ein Thema wie Open Source ist z.B. ein sehr komplexes Rechtsgebiet und vertraglich schwierig zu fassen. Mit selbstgemachten Verträgen schießt sich ein Unternehmen schnell ein Leck ins eigene Boot. Im schlimmsten Fall kann eine Zeile Code den ganzen Quellcode der Firma infizieren und in der Folge muss sie ihn der Open-Source-Community gegenüber offenlegen.“

Die Stundensätze für IT-Freelancer liegen im Durchschnitt bei etwa 72 Euro. Ein SAP-Berater mit 15 Jahren Berufserfahrung und Spezialkenntnissen kann aber durchaus 100 Euro und mehr kosten. Grundsätzlich hängt das Honorar auch immer von Faktoren wie der Projektlaufzeit, der Auslastung des jeweiligen Experten und der konkreten Aufgabe ab. Zusätzlich zum Freelancer-Honorar zahlen die Unternehmen dem Personaldienstleister eine Vermittlungsgebühr. „Die Provision sollte allen Beteiligten gegenüber offengelegt werden“, so Reuter. „Diese Transparenz ist leider nicht überall üblich, fördert aber eine faire und gute Zusammenarbeit. Angemessen ist eine Provision von zehn bis 15 Prozent des Freelancer-Stundensatzes. Dafür erhalten die Unternehmen nicht nur die professionelle Vermittlung sowie Unterstützung bei den Verträgen hinsichtlich Fragen wie Haftung, Urheberrechte und Datenschutz, sondern auch schnell Ersatz, wenn der IT-Freelancer z.B. wegen Krankheit ausfällt.“

Die Bedeutung der IT-Freelancer wird für deutsche Unternehmen auch in Zukunft weiter wachsen. Grund ist die fortschreitende Spezialisierung der verschiedenen IT-Fachgebiete, die sich von festangestellten Mitarbeitern immer schwieriger abdecken lässt. Unternehmen werden deshalb bedarfsweise immer wieder gezielt Spezialwissen für Projekte einkaufen – Freelancer sind dafür die ideale Lösung. Keinesfalls sind sie dabei Mitarbeiter zweiter Klasse. Ihrem Selbstverständnis nach sind sie ein eigener Berufsstand – und bei fairen Konditionen entsteht das, was alle suchen: eine Win-win-Konstellation.


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