03.08.2012
Interview, Enterprise Resource Planning

Ertan Özdil, Weclapp

Modulare Standards

Ganz neu ist die Idee nicht, Unternehmen browserbasierte und modular aufgebaute Geschäftssoftware-Anwendungen zur Verfügung zu stellen. Ein Unternehmen mit dem vielsagenden Namen Weclapp (steht für Web. Cloud. Apps.) bietet nun eine Suite, mit der sich Business-Software kostengünstig über das Internet nutzen und einzelne Softwaremodule flexibel kombinieren lassen. Das 2008 gegründete Unternehmen mit Sitz in Marburg hat rund 50 Mitarbeiter und ist eine Tochtergesellschaft der börsennotierten 3U Holding AG. Ertan Özdil, Geschäftsführer der Hessen, erläutert seinen Ansatz.


Ertan Özdil, Geschäftsführer Weclapp

ITM: Herr Özdil, große Anbieter von Unternehmenssoftware versuchen seit einigen Jahren, ERP-Software aus der Cloud zu etablieren – mit mäßigem Erfolg. Welchen Ansatz verfolgt Ihr Unternehmen?
Ertan Özdil:
Hier treffen zwei komplexe Komponenten aufeinander: Bei einem vielschichtigen ERP-System aus der Cloud bestehen beim Anwender häufig noch Berührungsängste. Um diese abzubauen, setzen wir auf eine qualifizierte Beratung. Unsere speziell darauf ausgerichtete Abteilung Professional Services bereitet den Einsatz unserer Lösung vor und setzt diese dann im Rahmen des jeweiligen Projektes um.

Dies bedeutet konkret, dass wir keine On-Premise-Lösung migrieren, sondern auf Basis neuester Technologien eine neue Lösung speziell für die Cloud entwickeln. Dabei verzichten wir auf eine übermäßige Funktionalität zugunsten einer einfach zu bedienenden, intuitiven Anwendung. Zudem legen wir sehr großen Wert auf die Freude am einfachen Bedienen der Programme.

ITM:  Das ERP-System ist das zentrale kaufmännische System im Unternehmen. Dort sind gerade im Mittelstand immer Anpassungen notwendig. Kann ein rein webbasiertes System dies leisten?
Özdil:
Besonders kleine und mittelständische Unternehmen profitieren erheblich von webbasierten ERP-Systemen. Die Möglichkeiten dieser Systeme gehen dabei sogar weit über die Möglichkeiten der vor Ort installierten Systeme hinaus. Mit den heute zur Verfügung stehenden Technologien im Web-Umfeld sind alle Kunden- und Branchenanforderungen lösbar. Weblösungen bieten beispielsweise die Möglichkeit, Berichte anzupassen, Prozesse zu definieren oder Businesslogik zu implementieren. Customizing – also die Anpassung eines Serienprodukts an die Bedürfnisse des Kunden – ist mehr eine Frage des Produktes und weniger der Technologie. Gute ERP-Anbieter mit einem ausgereiften Produkt in der Cloud bieten heute alles, was auch eine lokal installierte Software leistet.

ITM: ERP-Systeme sind beratungsintensiv, vor allem hinsichtlich der Prozesse. Wie beraten Sie Ihre (potentiellen) Kunden?
Özdil:
Einen Support vom ersten Kontakt bis zur täglichen Nutzung unserer Produkte halten wir für eine unserer wichtigsten Aufgaben. Wir haben frühzeitig den Bedarf an Beratung und Services erkannt und hierfür die Abteilung Professional Services aufgebaut. Dort sind unsere ERP-Experten angesiedelt, die das Unternehmen in ERP-spezifischen Fragen oder Prozessfragen unterstützen können. In einem ersten Schritt analysieren wir den gegenwärtigen Hard- und Softwarebestand sowie die Geschäftsprozesse im Unternehmen. Auf dieser Basis entwickeln wir maßgeschneiderte Konzepte für den Einsatz unserer Lösung und passen unsere Business Apps an die individuellen Unternehmensanforderungen an. Wenn gewünscht, liefern wir auch hardwareseitige Unterstützung und bieten die Möglichkeit des Hostings vor Ort (private Cloud).

ITM: Inwieweit stimmt die These: Cloud = Standard?
Özdil:
Wir haben absolut keinen Zweifel daran, dass die Softwarelandschaft sich immer mehr in Richtung browserbasierte Anwendungen mit Cloud-Abrechnungsmodellen entwickeln wird. Geschäftsführer und IT-Verantwortliche sind auf der Suche nach einer Software, die nicht nur übersichtlich und intuitiv einfach zu bedienen ist, sondern auch sicher und überall verfügbar ist. All dies leistet eine Lösung aus der Cloud zu überschaubaren Kosten. Das zentrale Bereitstellen von Diensten hat Vorteile für den Anbieter und den Kunden. Der Anbieter kann zentral alle notwendigen Aufgaben hoch standardisiert durchführen. Der Kunde profitiert durch die hohe Standardisierung, da die Dienstleistung zu einem niedrigen Preis angeboten wird. Nach unserer Einschätzung ist die Cloud ein unvermeidlicher Schritt. Und wo sie noch kein Standard ist, wird sie es werden.

ITM: Sie arbeiten mit Standardmodulen, die an bestehende lokale Systeme angebunden werden müssen. Wie gehen Sie vor?
Özdil:
Jedes Kundenprojekt ist am Anfang sehr individuell. Ein Teil der Herausforderung besteht darin, nach einer Migration die Lösung so weit wie möglich zu simplifizieren und von Altlasten zu befreien. Wir bieten dem Kunden an, eine sichere Schnittstelle zu den lokalen Systemen aufzubauen. Diese sichern wir mit speziell hierfür vorgesehenen Systemen gegenüber dem Zugriff Unbefugter ab. Zugriffe auf diese Daten sind nach Abschluss der Arbeiten nur durch autorisierte Stellen möglich. Ein weiterer wichtiger Schritt ist die Entscheidung, welches der Systeme – Cloud-ERP oder das lokale System des Kunden – als führendes System für eine Informationseinheit definiert wird. Je nach Anforderungen des Projektes werden dann die notwendigen Schnittstellendetails erarbeitet und umgesetzt. In besonders komplexen Fällen bieten wir die Möglichkeit, unser Produkt als On-Premise-Lösung vor Ort einzusetzen und binden die bestehenden Altsysteme im Rahmen eines Projektes an. Für diese Integrationsarbeiten haben wir die eigene Abteilung Professionell Services, welche zusammen mit dem Kunden die optimale Lösung erarbeitet.

ITM: Ein Problem von Cloud Services besteht darin, dass sie mitunter schwer miteinander verknüpft werden können. Wie stellen Sie diese Verknüpfung her?
Özdil:
Diese Herausforderung haben wir von Anfang an erkannt und haben uns daher für die Bereitstellung einer Cloud Suite, derzeit bestehend aus sechs Business-anwendungen, entschieden. Der Suite-Gedanke war uns von Beginn sehr wichtig, damit alle Module zusammenpassen. Der Kunde kann bei uns alle Module finden, die er für die Unterstützung seiner Unternehmensprozesse benötigt, so dass die Notwendigkeit für die Verknüpfung nicht gegeben ist. Dennoch bieten wir auch Standardschnittstellen zu diversen Web-diensten.


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