22.02.2012
IT-Finanzierung

Guido Kessler, Fujitsu

„Kreditvergabe noch sehr sicher“

Interview mit Guido Kessler, Director Financial Services bei Fujitsu Technology Solutions


Guido Kessler ist Director Financial Services bei Fujitsu Technology Solutions.

ITM: Herr Kessler, nach Auswertungen des Marktforschungsinstituts Gartner ist im Jahr 2012 eine Rezession zu erwarten. Ist für Sie als Anbieter die Beeinflussung spürbar? Wie groß schätzen Sie die Investitionsbereitschaft im Vergleich zum Vorjahr ein?
Guido Kessler:
Fujitsu veröffentlicht jeden Monat in Zusammenarbeit mit Techconsult den sog. Mittelstandsindex. Dieser zeigt, dass der Mittelstand sich davon nicht beeindrucken lässt. Im Gegenteil: Er ist mit positiven IT-/TK-Investitionsabsichten in das neue Jahr gestartet. Die größte Nachfrage besteht in der Industrie und dem Handel. Marginal dahinter liegt der Finanzsektor.

ITM: In welche Technologien wird der Mittelstand Ihrer Meinung nach 2012 am meisten investieren?
Kessler:
Zukunftsthemen wie Cloud Computing – ein Trend, der durch die steigende Nachfrage nach Mobile Computing noch beschleunigt wird – und damit einhergehend Desktop-Virtualisierung sind weiter auf dem Vormarsch. Diese Möglichkeiten werden neue Geschäftschancen sowohl für Hersteller als auch für Partner eröffnen. Gleichzeitig aber stellen die heutigen Cloud-Angebote höhere Anforderungen an die Kompetenz der Mitarbeiter. Das bedeutet: Gut ausgebildetes und dennoch bezahlbares Fachpersonal wird damit immer mehr zum Wettbewerbsvorteil und entscheidet nicht zuletzt über das weitere Wachstum in der gesamten IT-Branche.

ITM: Investitionen müssen finanziert werden. Was sind gute Gründe für eine IT-Finanzierung anstatt eines Barkaufs?
Kessler:
Eine IT-Finanzierung vom Spezialisten bietet im Vergleich zu einem Barkauf wichtige Vorteile. Dazu zählt zum einen die wesentlich höhere Nutzungsflexibilität. Dadurch kann die IT leichter an sich ändernde Rahmenbedingungen angepasst werden, beispielsweise wenn neue Verfahren eingeführt oder Unternehmen zugekauft werden. Fujitsu bietet dazu an, Technologien auszutauschen oder Kapazitäten individuell anzupassen. Zum anderen bietet eine IT-Finanzierung vom Spezialisten Zusatzservices an – bei Fujitsu nennen wir das ein finanzielles Lifecycle-Management. Hier gibt es u.a. flexible Ratenzahlungen durch progressive oder degressive Ratenströme oder zahlungsfreie Zeiträume zur Harmonisierung von Aufwand und Nutzen innerhalb eines IT-Projektes. Hinzu kommt eine komplette Logistiklösung für das Nutzungsende, die neben Abbau, Transportvorbereitung und dem Transport der IT-Assets auch eine Datenlöschung sensibler Daten enthalten kann sowie weitere Dienstleistungen. Ebenfalls von Vorteil ist, dass das Asset-Risiko nicht beim Kunden liegt, da dieser ja lediglich für die Nutzung zahlt.

ITM: Was sollten die Unternehmen bei der Entwicklung ihrer Finanzierungsstrategie berücksichtigen?
Kessler:
Drei Punkte sollten Unternehmen bei der Entwicklung ihrer Finanzierungsstrategie berücksichtigen: Diversifikation, also die Finanzierung auf verschiedene Partner verteilen. Flexibilität, das heißt flexible Anpassungsmöglichkeiten der Finanzierungsstruktur vereinbaren, um unvorhersehbare Ereignisse bewältigen zu können. Nutzen-/Fristenkongruenz, das heißt beispielsweise keine kurzfristigen Finanzierungen für langfristige Projekte.

ITM: Rezessionsängste, Börsenbeben, die aktuelle Schuldenkrise und das Misstrauen ins Bankensystem könnten zu zögerlicher Kreditvergabe an Unternehmen führen. Wie schätzen Sie die Situation ein? Wie sicher ist momentan die Kreditvergabe?
Kessler:
Momentan ist die Kreditvergabe noch sehr sicher. Das kann sich allerdings auch schnell wieder ändern, wenn sich die Schuldenkrise weiter ausweitet bzw. die Eigenkapitalanforderungen der Banken sich weiter verschärfen. Das kann auch Auswirkungen auf die Kreditvergabe haben.

ITM: Welche Anforderungen müssen Unternehmen mittlerweile für einen Kreditzugang erfüllen?
Kessler:
Die wichtigste Anforderung ist die nach mehr Transparenz. Dazu gehört die weitgehende Offenlegung von Bilanzen, Plänen etc. Aber auch andere Anforderungen, die schon immer erforderlich waren, wie ausreichendes Eigenkapital, spielen weiterhin eine große Rolle. Hinzu kommt eine intensivere Bonitätsprüfung.

ITM: Welche Bedeutung schreiben Sie in diesem Zusammenhang der Innenfinanzierung zu?
Kessler:
Viele deutsche Unternehmen haben die vergangenen Jahre genutzt, um ihre Eigenkapitalbasis und ihre Liquidität zu stärken. Weiter haben sich die Innenfinanzierungsmöglichkeiten verbessert. Der Trend geht dahin, das Unternehmen Innenfinanzierung vor allem für das Kerngeschäft nutzen, z.B. für Forschung und Entwicklung oder die Mitarbeiterausbildung und neue Produkte. Meiner Meinung nach ist das der bessere Weg, als kerngeschäftsrelevante Investitionen in die Infrastruktur durch externe Finanzierung zu gewährleisten.

ITM: Welche alternativen Finanzierungsmodelle sind 2012 auf dem Vormarsch?
Kessler:
Wir sind überzeugt, dass klassische Leasing-Modelle bei der IT-Finanzierung an Bedeutung verlieren, da Unternehmen für ihre IT-Investitionen in immer stärkerem Maße Finanzierungslösungen nachfragen, die folgende Ziele ermöglichen: flexible Anpassung der IT an die jeweilige Geschäftssituation; Bilanzneutralität, um relevante Bilanzkennzahlen zu optimieren; Erhaltung des Kapitals und der Kreditlinien bei den Hausbanken für die Investition in das jeweilige Kerngeschäft; Kostensenkungen und Umwandlung fixer Kosten in variable Kostentransparenz in der IT für den gesamten Lebenszyklus. Weiter sehen wir einen starken Trend zu nutzungsbasierten Modellen wie Price-per-Seat-Modelle für Arbeitsplätze oder Cloud-Modelle für Rechenzentren.

ITM: Welche Vorteile bieten alternative Finanzierungsmodelle gegenüber der Kreditfinanzierung?
Kessler:
Der klassische Bankkredit ist eine reine Bereitstellung von finanziellen Mitteln. Meist müssen weitere Sicherheiten gestellt werden. Eine intelligente IT-Finanzierung bietet im Vergleich eine wesentlich höhere Nutzungsflexibilität, wie oben bereits erwähnt. Fujitsu nimmt beispielsweise im Vergleich zu klassischen Leasing-Gesellschaften im Regelfall die Refinanzierung nicht im Benchmarkt vor. So werden die wertvollen Kreditlinien der Kunden nicht belastet. Ein echter Mehrwert, da gerade während der momentanen Wachstumsphase diese Linien für die Investitionen ins Kerngeschäft unserer Kunden benötigt werden, beispielsweise für die Ausweitung der Produktionsanlagen. Darüber hinaus bietet Fujitsu im Gegensatz zum Bankkredit Zusatzservices rund um die IT-Finanzierung an.

ITM: Sind die jeweiligen Finanzierungsmodelle branchenabhängig?
Kessler:
Nein. Es ist vielmehr so, dass die Anforderungen an eine IT-Finanzierung generell sehr ähnlich sind: Nutzungsflexibilität, Technologie-Austauschmöglichkeiten und nutzungsabhängige Modelle (On-Demand-Modelle) werden über alle Branchen hinweg in der IT angefragt genauso wie Price-per-Seat-Konzepte für Arbeitsplätze, also die Abbildung aller Kosten eines IT-Arbeitsplatze in einer monatlichen Gebühr. Das liegt u.a. daran, dass die Einsatzszenarien in den meisten Branchen ähnlich sind. Bei den Applikationen, die dann auf den Geräten laufen, gibt es dann allerdings große Branchenunterschiede. Lediglich im Bereich der öffentlichen Auftraggeber sehen wir stärkere Abweichungen. So sind z.B. die Vertragslaufzeiten in der Regel länger und die Vertragsmodelle unterscheiden sich. Hier wird vor allem die sog. BVB-Miete nachgefragt, die wir erfolgreich anbieten.

ITM: Welche Finanzierungsmöglichkeiten offerieren Sie konkret mittelständischen Kunden?
Kessler:
Wir haben für die Finanzanforderungen unserer Kunden eine spezielle Produktpalette entwickelt: Im Bereich der Arbeitsplatzsysteme bieten wir z.B. mit dem Price-per-Seat-Konzept eine Finanzierungslösung an, mit dessen Hilfe der gesamte Lebenszyklus eines Arbeitsplatzes in einer monatlichen Gebühr abgebildet werden kann. Das Konzept ist als modulares Baukastensystem zu verstehen, das neben der reinen Leasing-Finanzierung verschiedene Komponenten enthalten kann: Rückkauf der Althardware, Dienstleistungen rund um den Rollout der neuen Hardware, Installation von Kunden-Images, Implementierung der Systeme in die Kundenumgebung, Garantieerweiterungen (SLAs), Asset Management, Technologieaustauschoptionen und weitere flexible Servicebausteine bis hin zu Rollback, Datenlöschung und Entsorgung. So kann sich jeder Kunde gemeinsam mit dem Fachhandelspartner eine auf seine Bedürfnisse ausgerichtete Lösung zusammenbauen. Für Rechenzentren bieten wir flexible Modelle speziell für Server- und Storage-Systeme.

ITM: Von welchen Finanzierungsmöglichkeiten sollten Mittelständler lieber ihre Finger lassen?
Kessler:
Auf die IT-Finanzierung bezogen sind das die Finanzierung aus Baumitteln und der klassische Bankkredit. Ganz wichtig ist, auch die Verträge für eine externe IT-Finanzierung genau zu prüfen. Denn hier gibt es massive Unterschiede und mögliche, versteckte Kosten. Darauf weisen wir auch immer unsere Kunden hin.

ITM: Welches IT-Finanzierungsvolumen erwarten Sie für 2012?
Kessler:
Hier möchten wir gerne auf eine Studie von IDC vom 12. Januar 2012 verweisen. Hier wird das Finanzierungsvolumen bei IT auf weltweit 120 Mrd. US-Dollar geschätzt. Weiter wird in allen Segmenten ein starkes Wachstum erwartet, vor allem aber bei SW-Finanzierungen. Bis 2014 wird ein Volumen von 130 Mrd. US-Dollar erwartet.


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