22.02.2012
IT-Finanzierung

Christoph Heitjans, IBM

Kein Interesse an Schwarzmalerei

Interview mit Christoph Heitjans, Direktor IBM Global Financing, Deutschland


Christoph Heitjans ist Direktor IBM Global Financing, Deutschland.

ITM: Herr Heitjans, inwiefern wirken sich negative Konjunkturnachrichten derzeit auf die Stimmung und das IT-Investitionsverhalten im Mittelstand aus?
Christoph Heitjans:
Ich denke, wir sollten eine Rezession nicht herbeireden. DIW, IWF, Bundesbank und Bundesregierung gehen immer noch von positiven Wachstumszahlen aus, wenn natürlich auch sehr gebremst. Doch Rezessionsängste werden seit Beginn der Krise 2008 immer wieder geschürt. Das tut dem Standort und gerade auch den mittelständische Unternehmen nicht unbedingt gut. Da bin ich schon sehr froh, dass der aktuelle Ifo-Geschäftsklimaindex entgegen allen Unkenrufen nun bereits den dritten Monat in Folge bei den deutschen Unternehmen gestiegen ist. Und auch andere wichtige Indikatoren legten zu, z.B. der Einkaufsmanagerindex. Warum sollten wir da an eine Rezession denken? Wir gehen deshalb auch nicht davon aus, dass sich das IT-Investitionsverhalten in den Unternehmen verändern wird, und vertrauen den Zahlen unseres Branchenverbandes Bitkom. Wichtig ist natürlich trotzdem, dass die Finanz- und Währungsrisiken gebannt werden.

ITM: Ist für Sie als Anbieter die Beeinflussung spürbar? Wie groß schätzen Sie die Investitionsbereitschaft im Vergleich zum Vorjahr ein?
Heitjans:
2012 wird laut Bitkom der IT-Sektor mit einem Plus von 4,5 Prozent auf 73 Mrd. Euro wachsen. Damit sind die Rahmendaten für die allgemeine IT-Investitionsbereitschaft der Wirtschaft gesetzt. Der Bitkom-Index, der ähnlich dem Ifo-Index quartalsweise die Umsatzerwartungen der Unternehmen erfasst, liegt derzeit ebenfalls im plus mit 60 Punkten. Er bewegt sich damit sogar über dem Ifo-Index für die Gesamtwirtschaft. Wir gehen bei IBM davon aus, dass der reine IT-Mittelstandsmarkt in Deutschland um etwa vier Prozent wachsen wird.

ITM: In welche Technologien wird der Mittelstand Ihrer Meinung nach 2012 am meisten investieren?
Heitjans:
Cloud Computing bzw. die Virtualisierung von Systemen werden auch in diesem Jahr eine hohe Priorität für den Mittelstand haben. Auch das mobile Business, mobile Applikationen und der Einsatz von mobilen Endgeräten werden wachsen. Investitionen in Sicherheitslösungen sind ein weiterer Schwerpunkt ebenso wie das Thema Social Media.

ITM: Investitionen müssen finanziert werden. Was sind gute Gründe für eine IT-Finanzierung anstatt eines Barkaufs?
Heitjans:
IT-Finanzierung bzw. Leasing sind zum einen effektive Instrumente, die wirksam vor technologischer Überalterung schützen. Eine Problematik, die in diesem Bereich sehr viel schneller spürbare Konsequenzen haben kann, weil bei einem Investitionsstau unmittelbar Wettbewerbsnachteile zu befürchten sind. Anders ausgedrückt: Eine strategisch sinnvolle Finanzierung von IT-Ressourcen kann durchaus echte Wettbewerbsvorteile bringen. Hinzu kommen Argumente wie besser planbare Budgets, höhere Liquidität sowie der Schutz bestehender Kreditlinien.

ITM: Was sollten die Unternehmen bei der Entwicklung ihrer Finanzierungsstrategie berücksichtigen?
Heitjans:
Zunächst sollte der Finanzierungspartner sorgfältig ausgesucht werden. Da bietet sich selbstverständlich IBM Global Financing bei IT-Investitionen sehr gut an. Dann geht es um die Erstellung eines Finanzierungskonzeptes, das zum Investitionshorizont des jeweiligen Unternehmens passt. Dabei sollte darauf geachtet werden, dass ein Finanzierungsrahmen erstellt wird, der die Kernlinien bei der Hausbank nicht belastet.

ITM: Rezessionsängste, Börsenbeben, die aktuelle Schuldenkrise und das Misstrauen ins Bankensystem könnten zu zögerlicher Kreditvergabe an Unternehmen führen. Wie schätzen Sie die Situation ein? Wie sicher ist momentan die Kreditvergabe?
Heitjans:
Nochmals: Ich bin an Schwarzmalerei nicht interessiert. Aber natürlich herrscht Unsicherheit im Bankensystem, keine Frage. Dies ist allerdings vor allem auf Ängste und Misstrauen zurückzuführen, dass Staaten und Banken ihre Schulden nicht bedienen können und der  Refinanzierungsbedarf nicht gedeckt ist. Genau deshalb haben wir es gegenwärtig auch mit einem stockenden Inter-Banken-Handel zu tun. Ähnlich wie 2008 legen die Banken wieder vermehrt ihr Geld lieber bei der EZB an, selbst zu sehr niedrigen Zinsen, anstatt es untereinander zu verleihen. Für den Mittelstand können wir aber momentan kaum von einer aufkommenden Kreditklemme sprechen. Sicher sind Anforderungen an Sicherheiten im Rahmen der Kreditvergabe und finanzielle Transparenz sehr wichtig. Aber die Marktindikationen weisen – jedenfalls momentan – nicht darauf hin, dass Kreditvergaben im Mittelstand unsicherer werden. Wir setzen auf unserer Seite auch ganz bewusst einen Kontrapunkt. Um notwendige IT-Innovationen bei unseren Kunden zu ermöglichen, haben wir als Global Financing eine Milliarde Dollar an zusätzlichen Finanzierungsmitteln zur Verfügung gestellt.

ITM: Welche Anforderungen müssen Unternehmen mittlerweile für einen Kreditzugang erfüllen?
Heitjans:
Sie müssen vor allem eine vernünftige Finanzierungsstruktur vorweisen, die zum Geschäftsmodell des Unternehmens passt. Dann sollte ein nachvollziehbarer und realistischer Business-Plan für die zukünftige Entwicklung des Unternehmens vorliegen. Wichtig ist auch der Nachweis des Cashflows, der den zukünftigen Kapitaldienst zu decken hat, und Transparenz in den Unternehmenszahlen. Das ist aber alles nicht neu, sondern das sind eigentlich die Basisregeln für jede Finanzierung. Sie bekommen nur heute wieder mehr Gewicht und Relevanz.

ITM: Welche Bedeutung schreiben Sie in diesem Zusammenhang der Innenfinanzierung zu?
Heitjans:
Die wichtige Kennzahl ist hier der schon erwähnte Cashflow: Er gibt Auskunft darüber, inwiefern die erforderlichen Mittel zur Substanzerhaltung des Unternehmens erwirtschaftet werden. Einen längerfristigen negativen Cashflow wird sich kein Unternehmen erlauben können, da dadurch die Vermögenswerte aufgezehrt werden. Insgesamt gilt es, immer ein gesundes Gleichgewicht aus Eigen- (Innen-) und Fremdmittel zu schaffen. Wen das nicht stimmt, besteht in einer Krise die Gefahr eines erschwerten Kapitalzugangs.

ITM: Welche alternativen Finanzierungsmodelle sind 2012 auf dem Vormarsch?
Heitjans:
In der Finanzierung von IT-Projekten spielt das Leasing weiterhin eine bedeutende Rolle. Es ist als Mittel bei der Fremdfinanzierung von Investitionsgütern sehr beliebt und zweifellos eines der wichtigsten Finanzierungsinstrumente überhaupt. Bei kurzfristigen Finanzierungen, z.B. des Umlaufvermögens, ist das Factoring nach wie vor auf dem Vormarsch. Wir bieten unseren Kunden und Geschäftspartnern alle klassischen Instrumente in der IT-Finanzierung. Ein Instrument, das insbesondere für die IBM-Business-Partner sehr interessante Optionen bietet, ist die Wareneinkaufsfinanzierung. Sie erlaubt es – vereinfacht ausgedrückt – Zahlungsfristen zu überbrücken und damit den freien Cashflow zu verbessern. Dadurch werden unsere Vertriebspartner mit zusätzlicher Liquidität versorgt, und es wird ihnen nicht – wie das typischerweise der Fall ist – durch ihre Geschäftstätigkeit Liquidität entzogen.

ITM: Welche Vorteile bieten alternative Finanzierungsmodelle gegenüber der Kreditfinanzierung?
Heitjans:
Die genannten Alternativen sind sehr wichtig für die Sicherung der Kernaktivitäten mittelständischer Unternehmen. Denn sie binden keine Mittel und sorgen eher für positive bilanzielle Effekte. Zudem bieten wir als IT- Finanzierer neben der Finanzierungskompetenz auch die notwendige IT-Kompetenz – also IT-Know-how gekoppelt mit Bankenwissen. Das können Sie von keinem Bankberater erwarten.

ITM: Sind die jeweiligen Finanzierungsmodelle branchenabhängig?
Heitjans:
Nein. Wir kommen grundsätzlich bei IT-Investitionen ins Spiel, und das branchenübergreifend. Unsere Spezialität sind IT-Finanzierungen, egal ob im Mittelstand, in der Großindustrie oder für unsere Geschäftspartner.

ITM: Welche Finanzierungsmöglichkeiten offerieren Sie konkret mittelständischen Kunden?
Heitjans:
Als der weltweit größte IT-Finanzdienstleister bieten wir Finanzierungen für komplette IT-Lösungen. Dies gilt für Hardware, Software und IT-Services von IBM, aber auch von anderen Anbietern. Dazu zählen Darlehens-, Teilzahlungs- und Leasing-Angebote ebenso wie Services für gebrauchte Hardware (zertifizierte Gebrauchtmaschinen von IBM), einschließlich Wiederverkauf und Entsorgung. Wir gewähren verschiedenste Laufzeiten entsprechend den Technologie- und Investitionszyklen und haben flexible Rückzahlungsmodelle mit fixen Raten während der Grundlaufzeit. Zahlungsfreie Monate sind dabei ebenso möglich wie gestaffelte Zahlungspläne, um die Zahlungen an den Investitionserträgen auszurichten. Wir bieten auch sog. Sale- und Lease-Back-Verfahren. Immer wieder haben wir auch spezielle Angebote. So z.B. die zinsfreie Finanzierung für ausgewählte IBM-Hardware und -Software über 12 Monate Laufzeit. Mit diesem Angebot können unsere Kunden die Kosten über das erste Jahr bequem verteilen.

ITM: Von welchen Finanzierungsmöglichkeiten sollten Mittelständler lieber ihre Finger lassen?
Heitjans:
Das kann man nicht allgemein beantworten. Dazu sind die Anforderungen im Hinblick auf den Finanzierungszweck zu vielschichtig. Aber, dieser Grundsatz kann angesichts der gegenwärtigen Lage sicherlich nicht hoch genug bewertet werden: Investiere und finanziere nur das, was du auch wirklich verstehst und überblickst! Zudem ist es natürlich wichtig, dass der Finanzierungspartner auch in Krisenzeiten zuverlässig bleibt. Zumindest für IGF kann ich da die Hand ins Feuer legen.

ITM: Welches IT-Finanzierungsvolumen erwarten Sie für 2012?
Heitjans:
Der Leasing-Markt in Deutschland und damit auch das IT-Leasing ist 2011 deutlich gewachsen. Das gilt auch für uns. Wir erwarten – wenn auch moderater – ebenfalls eine Steigerung für das laufende Jahr. Wie hoch die genau ausfällt, kann und darf ich Ihnen leider nicht sagen.


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