22.02.2012
IT-Finanzierung

Heinz-Paul Bonn, Bitkom

Kein Grund zur Panik

Interview mit Bitkom-Vizepräsident Heinz-Paul Bonn


Heinz-Paul Bonn ist Vizepräsident des Bitkom.

ITM: Herr Bonn, die Staatsschuldenkrise in der Eurozone ist in aller Munde. Inwiefern wirkt sie sich derzeit auf die Stimmung und das IT-Investitionsverhalten im Mittelstand aus?
Heinz-Paul Bonn:
Derzeit sind noch keine nachhaltigen Auswirkungen auf die Umsätze der IT-Unternehmen spürbar. Die Erwartungen für 2012 sind ebenfalls sehr optimistisch. Mehr als zwei Drittel der Unternehmen rechnen mit steigenden Umsätzen. Natürlich hat die Unsicherheit über die Staatsschuldenkrise auch Einfluss auf die Stimmung. Die konjunkturellen Risiken lassen sich nicht völlig wegdiskutieren. Für Panik gibt es aber keinen Grund. Für die IT- und Telekommunikationsbranche rechnen wir mit zwei Prozent Wachstum in diesem Jahr.

ITM: Wie groß schätzen Sie die Investitionsbereitschaft im Vergleich zum Vorjahr ein?
Bonn:
Das Investitionsklima in den Anwenderbranchen ist nach wie vor gut. IT-Produkte werden immer gebraucht, auch in konjunkturell schwächeren Phasen. Die Investitionsbereitschaft wird aber auch ein wenig von den Unsicherheiten an den Finanzmärkten beeinflusst. Wir erwarten aber in den Anwenderbranchen keinen größeren Einbruch bei den IT-Ausgaben, eher noch eine leichte Steigerung gegenüber 2011. Auch bei den ITK-Unternehmen selbst ist hohe Investitionsbereitschaft vorhanden, um innovative Produkte und Dienstleistungen auf den Markt zu bringen.

ITM: In welche Technologien wird der Mittelstand 2012 am meisten investieren?
Bonn:
Der dominierende Trend ist nach wie vor Cloud Computing. Es hat sich inzwischen von einem Hype zu einem breiten Wachstumstrend entwickelt. Dabei kristallisiert sich heraus, welche Cloud-Angebote für welche Aufgaben am besten geeignet sind. Ein weiterer Megatrend ist die Verlagerung von Funktionen auf mobile Endgeräte und der wachsende Bedarf an mobilen Anwendungen. Und dann ist da noch der weite Bereich Social Media, mit dem sich auch Mittelständler auseinander setzen müssen. Schließlich bleibt die Datensicherheit ein wichtiges Feld für Investitionen, in dem mittelständische Unternehmen noch Nachholbedarf haben.

ITM: Investitionen müssen finanziert werden. Was sind gute Gründe für eine IT-Finanzierung anstatt eines Barkaufs?
Bonn:
Eine IT-Investition kann entweder durch Ansparen der Investitionssumme oder durch Fremdkapital finanziert werden. Wenn die Mittel für eine Investition nicht vorhanden sind, muss eine Fremdfinanzierung her. Dann kommen die Banken ins Spiel. Sowohl beim Bankkredit als auch bei Alternativen wie Miete oder Leasing können die Zahlungen über einen längeren Zeitraum gestreckt werden. Die Liquidität wird also geschont. Außerdem sind die Konditionen für Fremdkapital derzeit noch relativ günstig. Manche IT-Anbieter haben auch zusätzlich eine Finanzierung im Angebot und können ein attraktives Paket schnüren.

ITM: Was sollten die Unternehmen bei der Entwicklung ihrer Finanzierungsstrategie berücksichtigen?
Bonn:
Die Kosten einer langfristigen Fremdfinanzierung sind meist geringer als die Kosten für die Beschaffung von Eigenkapital. Aber je mehr Kredite ein Unternehmen aufnimmt, desto geringer wird seine Eigenkapitalquote. Banken sehen in der Eigenkapitalquote einen wichtigen Risikoindikator. Mit abnehmender Eigenkapitalquote wird daher der Spielraum für weitere Kredite enger, die Konditionen verschlechtern sich. Die Finanzierungsstrategie sollte daher mit der Wachstumsstrategie des Unternehmens koordiniert werden. Beides hängt zusammen. Zu empfehlen ist eine möglichst langfristige Planung der Finanzierung und die Bildung von Rücklagen und Liquiditätspolstern für Situationen, in denen unvorhersehbarer Kapitalbedarf entsteht.

ITM: Rezessionsängste, Börsenbeben, die aktuelle Schuldenkrise und das Misstrauen ins Bankensystem könnten zu zögerlicher Kreditvergabe an Unternehmen führen. Wie schätzen Sie die Situation ein? Wie sicher ist momentan die Kreditvergabe?
Bonn:
Die Unternehmen in Deutschland haben ihre Krisenfestigkeit und damit ihre Kreditwürdigkeit unter Beweis gestellt. In diesen Zeiten erscheint ein Kredit an einen gut aufgestellten deutschen Mittelständler bei weitem nicht so riskant wie die Zeichnung mancher Staatsanleihe. Ich denke, dies wissen auch die Banken. Sie haben ihr Kreditvolumen in Deutschland im zweiten Halbjahr 2011 etwas ausgeweitet. Auch hat die EZB den Bankenmarkt mit frischem Geld geflutet. Deshalb sehe ich gegenwärtig jedenfalls für die ITK-Branche keine große Gefahr für die Kreditversorgung. Damit es dabei bleibt, sollten bei der Umsetzung der Rahmenvereinbarung Basel III in europäisches Recht darauf geachtet werden, dass Banken für die Kreditvergabe an den Mittelstand genug Spielraum haben.

ITM: Welche Anforderungen müssen Unternehmen mittlerweile für einen Kreditzugang erfüllen?
Bonn:
Die Kreditanforderungen der Banken an Unternehmen sind schon seit einiger Zeit sehr hoch, spätestens seit der Finanzkrise 2008/2009. Die Banken fordern aktuelle Unterlagen zur Bilanz- und Ertragslage, zu geschäftlichen Aussichten, dem Marktumfeld, aber auch zu spezifischen Unternehmensrisiken und Maßnahmen zur Risikokontrolle. Mein Eindruck ist: Die ITK-Unternehmen haben sich inzwischen darauf eingestellt. Sie verstehen, wie wichtig für die Banken Transparenz bei den Unternehmensdaten und bei den Investitionen ist. Eine transparente und gut dokumentierte finanzielle Situation macht es im Übrigen auch der Unternehmensführung selbst leichter, die Finanzen des Unternehmens optimal zu planen.

ITM: Welche Bedeutung schreiben Sie in diesem Zusammenhang der Innenfinanzierung zu?
Bonn:
Für die ITK-Unternehmen ist die Innenfinanzierung, also der Mittelrückfluss aus dem eigenen Umsatzprozess, mit Abstand die wichtigste Finanzierungsquelle. Je höher der Anteil der Innenfinanzierung an der Gesamtfinanzierung ist, desto unabhängiger ist das Unternehmen von den Vorgaben durch andere Kapitalgeber.

ITM: Welche alternativen Finanzierungsmodelle sind 2012 auf dem Vormarsch?
Bonn:
Nach der Finanz- und Wirtschaftskrise scheint sich der Markt für Wagniskapital und Private Equity wieder erholt zu haben. Dies wird positive Effekte auf die Unternehmensfinanzierung haben. Ansonsten werden in der ITK-Industrie vermehrt Leasing-Konstruktionen als Alternative zum Bankkredit in Anspruch genommen. Die Innenfinanzierung wird aber die wichtigste Quelle für die Finanzierung von Investitionen bleiben.

ITM: Welche Vorteile bieten alternative Finanzierungsmöglichkeiten gegenüber der Kreditfinanzierung?
Bonn:
Alternativen zur Kreditfinanzierung können im Einzelfall besser auf die jeweiligen Finanzierungsbedürfnisse zugeschnitten werden. Teilweise können bei alternativen Finanzierungen auch günstigere Konditionen realisiert werden. Jedenfalls lohnt sich hier ein Vergleich.

ITM: Welches IT-Finanzierungsvolumen erwarten Sie für 2012?
Bonn:
Wir rechnen damit, dass in 2012 in Deutschland etwa 73 Mrd. Euro für IT ausgegeben werden. Insgesamt wird der ITK-Markt, inklusive Telekommunikation und Unterhaltungselektronik, erstmals ein Volumen von mehr als 150 Mrd. Euro haben.


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