28.06.2012
Energieeffizienz

Green SCM - Mehr als ökologischer Anstrich

Grüne Lieferung

In Zeiten steigender Energie- und Rohstoffpreise denken insbesondere Mittelständler über Mittel und Wege nach, Transport- und Logistikosten zu senken. Diese Maßnahmen sollten möglichst nachhaltig und umweltschonend sein, um dem Unternehmen auch in der Außendarstellung einen positiven „grünen“ Touch zu verleihen – eine durchaus geeignete Voraussetzung für die Einführung von Green Supply Chain Management.


Grün, grüner, am grünsten – so oder so ähnlich konkurrieren Unternehmen, beispielsweise die großen Automobilhersteller, untereinander um immer nachhaltigere Produkte. Damit sich ein Auto auch mit diesem Attribut schmücken darf, müssen Bestandteile wie etwa die Komponenten von Hybridmotoren bereits nachhaltig „funktionieren“. Dass in die Forschung und Entwicklung solch innovativer Bauteile, die unter anderem von mittelständischen Unternehmen produziert und geliefert werden, Unmengen an Geldern gesteckt werden, ist kein Geheimnis. Um den Automobilherstellern die Einzelteile nun nicht überteuert anzubieten, kommt es darauf an, Prozesse ausfindig zu machen, wo das vorinvestierte Geld wieder eingespart werden kann.

Eine Reihe solcher Prozesse sind in der Supply Chain enthalten, also dem gesamten Prozess von der Herstellung der Grundstoffe bis zur Auslieferung des Produktes beim Kunden. Laut einer Studie von J&M Consulting setzten bereits vor drei Jahren 57 Prozent der 100 befragten Unternehmen auf energieschonende und emmisionsarme Wege in der Beschaffungs- und Absatzlogistik – 73 Prozent auf umweltschonende Produktionsanlagen. Tendenziell sind diese Werte bis heute kontinuierlich angestiegen, denn immer mehr Unternehmen möchten dadurch Kosten sparen und sich zusätzlich einen grünen Anstrich verleihen. Dass dies in der Praxis möglich ist, davon ist Dr. Holger Hildebrandt, Hauptgeschäftsführer Bundesverband Materialwirtschaft, Einkauf und Logistik e.V. (BME), überzeugt: „In jüngster Zeit zwingen steigende Energiekosten quer durch alle Marktsegmente (Strom, Gas, Öl) die Einkäufer, ihre Beschaffungsstrategie zu optimieren. Es setzt sich die Erkenntnis durch, dass sich Kosten- und Wettbewerbsvorteile mit Hilfe ‚grüner’ Lieferketten sichern lassen.“ Denn die generellen Ziele von Green Supply Chain Management seien, Einsparungspotentiale zu heben und gleichzeitig die Umwelt zu schonen. Gar eine Notwendigkeit für die Einführung sieht Dr. Dieter Bölzing, Partner Supply Chain Strategy von J&M Management Consulting: „Während Green SCM früher mehr eine Mischung aus Modethema und aufkommenden kostengetriebenen Aspekten war, so ist es mittlerweile eine Notwendigkeit. Denn steigende Energiekosten sind heute ein zentraler Treiber von energieeffizienten Konzepten in Logistik, Materialwirtschaft, Distribution, Produktion und Vertrieb.“

Wie grün bist du wirklich?

Entscheidet sich ein Mittelständler für die Einführung eines Green-SCM-Konzepts, sollte diese Maßnahme zuerst im Unternehmen transparent kommuniziert werden. „Mit der Einführung von Green SCM trägt kein Unternehmen gleich einen Heiligenschein. Hier ist es vor allem wichtig, die Mitarbeiter von der Sinnhaftigkeit des Tuns zu überzeugen, damit Green SCM nicht nur zur Rechtfertigung des Unternehmensgewissens genutzt wird, das marketingmäßig ausgeschlachtet werden kann“, unterstreicht Dr. Christian Wieland, Head of Analytics Hoppenstedt Firmeninformationen GmbH Geschäftsbereich RAAD Research. Neben der internen Kommunikation ist auch die Kommunikation mit einem potentiellen Anbieter grundlegend. So sollten Unternehmen vor der Wahl des passenden Green-SCM-Anbieters bestimmte Auswahlkriterien treffen, um hinter eine potentielle grüne Scheinfassade blicken zu können. Christian Wieland ist der Meinung, dass der Anbieter entweder so groß sein sollte, dass er fehlende Versatzstücke einfach hinzukaufen könne, oder aber die Software sollte so offen und flexibel sein, dass zukünftige Anforderungen mit aufgenommen werden können.

Stolpersteine gilt es genügend beiseitezuräumen. Gerade die zunehmende Komplexität und Internationalität der Lieferketten sieht Markus Meißner, Geschäftsführer AEB GmbH, als ein mögliches Hindernis bei der Einführung. „Es existiert kaum ein Mittelständler, der nicht mit Kunden oder Zulieferern aus Asien, den USA oder Lateinamerika zusammenarbeitet. Und nicht nur die globale Verteilung wächst, ebenso die Anzahl der Partner in der Lieferkette.“ All diese Partner müssen bei den Bemühungen auf dem Weg zu einer grünen Lieferkette integriert werden. Dabei könne es durchaus zu Definitionsproblemen kommen: „Eine erste Herausforderung kann es hier schon sein, ein einheitliches Verständnis für den Begriff Green SCM zu schaffen. So betrachten viele Unternehmen lediglich die CO2-Emissionen, während andere auch Kriterien wie Lärm, Flächenverbrauch oder Feinstaub­emissionen berücksichtigen.“ Eine klare und verständliche Kommunikation mit allen Akteuren, also Mitarbeitern, Lieferanten und Kunden, über die neuen Green-SCM-Ziele könne hier für Klarheit sorgen.

Grün = teuer?

In Zeiten von Bioprodukten und Ökostrom glaubt die Mehrheit der Gesellschaft, dass grün gleichbedeutend mit teuer sei. Dass man quasi für bestimmte Produkte einen Mehrpreis bezahlt und dafür das gute Gewissen in sich trägt, etwas Positives für die Umwelt getan zu haben.

Fragt sich nun, ob Mittelständler mit der Umstellung auf eine grüne Lieferkette auch mit Zusatzkosten rechnen müssen? Markus Meißner von der AEB AG sieht das nicht so: „Viele ‚grüne’ SCM-Maßnahmen sind nicht teuer. Im Gegenteil: Wenn Mittelständler beispielsweise durch intelligente Transportkonsolidierung die Anzahl der Lkw-Fahrten reduzieren, verringern sich sowohl die CO2-Emissionen als auch die Transportkosten. Wer mit Hilfe einer Supply-Chain-Event-Plattform Transparenz schafft, kann längerfristig planen.“ Diese Softwareplattform kann eine Software stellt eine unternehmensübergreifender Transparenz logistischer Prozesse dar, die eine rechtzeitige Reaktion auf kritische Ausnahmen, wie etwa Planänderungen, Verkehrsstaus, Kapazitätsengpässe oder Maschinenschäden („Events“), in Lieferketten ermöglichen soll. Auch Astrid Weber, Geschäftsführerin der Weber Data Service GmbH, sieht in der Transportbranche ideale Ansatzpunkte, um gleichzeitig Kosten zu senken und die Umweltbelastung zu reduzieren: „Mit leistungsfähigen Softwarelösungen sind Logistikdienstleister in der Lage, optimale Fahrtstrecken zu berechnen und damit Kraftstoff – aber eben auch CO2-Emissionen – zu sparen, den Fuhrpark nach Verbrauchsdaten zu klassifizieren und CO2-Emissionen eines Transports zu berechnen und auszuweisen.“ Jedoch seien dafür Anfangsinvestitionen in Equipment und Softwaresysteme nötig, die sich allerdings nach der Erfahrung von Weber innerhalb weniger Jahre amortisieren. Ähnlich sieht es Dieter Bölzing von J&M Consulting: „Positive Umsatzeffekte können eventuelle Mehrkosten aufwiegen, etwa weil sich ein grünes Produkt, was entsprechend vermarktet wird, besser verkauft.“

Aber nicht nur der potentielle Verkaufserfolg, auch die Außendarstellung eines Mittelständlers könnte sich mit der Produktion von grünen Produkten positiv gestalten – immerhin ist grün „in“ und in der Gesellschaft nicht zuletzt seit den großen Themen wie Atomausstieg und CO2-Belastung in aller Munde. Davon ist auch Markus Meißner, Geschäftsführer der AEB GmbH, überzeugt: „Was auf jeden Fall zum Tragen kommt, ist ein Imagegewinn und eine Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit. Während sich Unternehmen, die sich für grüne Logistik engagieren, heute noch medienwirksam in Szene setzen können, wird es in fünf Jahren selbstverständlich sein, dass man seine CO2-Bilanz veröffentlicht.“ Wer dieser Anforderung nicht gerecht werde, müsse damit rechnen, bei Ausschreibungen und Auftragsvergaben den Kürzeren zu ziehen. 

Setzt sich Green SCM durch?

Im Mittelstand wird Green SCM bislang eher weniger eingesetzt. Das spiegelt sich auch in Ergebnissen der aktuellen Research-SCM-Studie von J&M Consulting wider, in der das Thema „Nachhaltigkeit und Klimawandel“ mit Abstand am wenigsten wichtig in Verbindung mit der Supply Chain wahrgenommen wird. Der Fokus liegt stattdessen auf Themen wie Verfügbarkeit, Lieferzeit und Kostendruck. Dr. Holger Hildebrandt vom BME ist der Meinung, Mittelständler würden erkennen, dass die Aufgaben von SCM nicht allein darauf beschränkt seien, die richtigen Materialien und Ressourcen zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort bereitzustellen. „Künftig geht es darum, die Reihenfolge der Schritte des Produktions- und Vertriebsprozesses optimal aufeinander abzustimmen und somit optimale Kundenzufriedenheit, minimale Kosten und maximalen Gewinn sicherzustellen.“ Bezogen auf die Transportlogistik sieht Astrid Weber einen Trend zu mehr Integration auf allen Ebenen: „Prozesse werden in logistischen Netzwerken realisiert, Systeme verzahnen sich und auch in den Softwarelösungen für SCM setzen sich integrierte Systeme immer mehr durch – weil sie einfach Kostenvorteile bieten.“

Mittelständler sollten sich vor der Einführung von Green SCM genügend Zeit nehmen, die aktuellen Prozessabläufe im Gesamten zu betrachten und genau zu analysieren. Dabei sollte herausgefunden werden, inwiefern Prozesse komplett umgeworfen werden müssten, um nachher in eine grüne Lieferkette zu passen. Vielleicht existieren bereits Strukturen, wo ein Unternehmen ansetzen kann, etwa in der Transportlogistik durch die Festlegung neuer sparsamerer Routen. Zudem sollte zwingend gegenübergestellt werden, ob und vor allem zu welchem Zeitpunkt sich Green-SCM-Investitionen auch wirklich rechnen.

Hier sind die Anbieter gefragt, die transparent aufzeigen sollten, in welchem Maße Prozessstrukturen verändert werden, die im besten Fall nachhaltiger und umweltfreundlicher, aber gleichzeitig produktiver als die aktuellen sein sollten. Zuletzt sollte man sich mit der Außendarstellung beschäftigen. Wie kann die neue grüne Unternehmensausrichtung auch nach außen positiv transportiert werden? Beispielsweise mit einem neuen Onlinebereich auf der eigenen Homepage, wo genau beschrieben wird, welche grünen Maßnahmen getroffen wurden und wie viel umweltfreundlicher diese auch wirklich sind. Etwa durch die Veröffentlichung der neuen Routenplanung im Logistikbereich, die aufzeigt, wie viel Kilometer Fahrtstrecke und als Folge wie viel CO2 dadurch eingespart wird. Im optimalsten Fall werden dabei bereits umweltfreundliche Flottenfahrzeuge eingesetzt, deren Komponenten der jeweilige Mittelständler im eigenen Haus entwickelt und produziert – so trägt er aktiv dazu bei, wer sich von den Automobilkonzernen letztendlich die „grünste Krone“ aufsetzen darf.

Bildquelle: © iStockphoto.com/issaurinko


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