Open-Source-ERP-Baukasten Nuclos
ERP-Installation auf Knopfdruck?
Im Interview mit Ramin Göttlich, geschäftsführender Gesellschafter von Novabit, über das Release 3.0 des Open-Source-ERP-Baukastens Nuclos, mit dem sich das System innerhalb weniger Minuten und ohne IT-Know-how auf nahezu jeder Systemlandschaft installieren lassen soll. Ein Marketing-Gag?

Die Anwender benötigen eine Lösung, für die es keine Standard-Software gibt.
ITM: Welche Unternehmen nutzen Nuclos und aus welchen Branchen kommen sie?
Ramin Göttlich: Mit einer installierten Basis bei einer Reihe von DAX-Unternehmen, mehr als 40 Mittelständlern, KMU im dreistelligen Bereich und etwa 20 bis 30 Downloads täglich ist Nuclos in kürzester Zeit zu einem der am weitest verbreiteten Open-Source-ERP-Systeme im deutschsprachigen Raum avanciert.
Die Anwender kommen aus allen Branchen, das Einsatzgebiet ist sehr vielfältig. Die Anforderungen, zum Beispiel an die Mehrsprachigkeit oder Cloud-Fähigkeit des Systems, sind durchaus unterschiedlich. Alle verbindet jedoch eines: Sie benötigen eine Lösung, für die es keine Standard-Software gibt oder an die sich der Standard nur mangelhaft und aufwendig anpassen lässt.
ITM: Wie sieht das Standardverfahren aus? Welche Herangehensweise gibt es, wenn ein Unternehmen auf Sie zukommt?
Göttlich: Zunächst einmal steht der Baukasten kostenlos zum Download bereit und lässt sich sehr schnell und einfach installieren. Unternehmen können direkt damit arbeiten und ihre eigene Unternehmens-Software, sogenannte Nuclets, konfigurieren. Online-Trainings und ein Support-Forum helfen dabei.
Das System gibt keinen festen, unveränderlichen Funktionsumfang vor, sondern bietet Mechanismen, diesen selbst festzulegen. Der Anwender kann in Eigenregie beliebige individuelle Geschäftsprozesse auch ohne IT-Wissen abbilden und auch jederzeit an sich ändernde Anforderungen anpassen. Eine iterative Fachkonzepterstellung ist parallel zu einer bereits teilweisen Inbetriebnahme möglich und sinnvoll. Natürlich bieten wir unseren Kunden die vollständige Konfiguration und Integration bei Bedarf auch als Dienstleistung an.
ITM: Wie läuft die Prozessdefinition ab? Wer verfügt über das notwendige Wissen? Bietet Novabit auch Prozessberatung und -optimierung?
Göttlich: Wir bieten keine Prozessberatung. Unsere Kunden wären erstaunt, wenn wir versuchten, ihnen ihre wettbewerbskritischen Kernprozesse zu erklären. Der Ansatz von Nuclos ist ein anderer: Wir bieten dem Anwender die unbelastete Plattform, auf der er seine Geschäftsprozesse abbilden und so seine individuelle Unternehmens-Software selbst schaffen kann.
Die Architektur dieses standardisierten Baukastens unterscheidet sich grundlegend von proprietären ERP-Systemen darin, dass die technische Basis strikt von der individuellen fachlichen Konfiguration getrennt ist. Die Plattform stellt generische Mechanismen zur Abbildung beliebiger Geschäftsprozesse bereit. Die konkreten Prozesse aber werden in den Nuclets abgebildet, die diese Mechanismen nutzen und die eigene fachliche Geschäftslogik enthalten. Dazu zählen sogenannte Entitäten, Relationen, Layouts, Prozesse, Workflows, Arbeitsschritte, Geschäftsregeln, Jobs, Formulare und Reports.
ITM: Ihre Referenzprojekte beschreiben jeweils sehr spezielle Einzelprozesse, z.B. Reklamationsmanagement, Leased Line Management …
Göttlich: Solche Referenzbeispiele zeigen die universelle Einsetzbarkeit der generischen Plattform für eine breite Palette unterschiedlichster Anforderungen im ERP-Umfeld sowie ihre Nähe zu weiteren Disziplinen und Systemen. Was sich auf Anwenderseite als sehr spezieller Prozess präsentiert, entpuppt sich – IT-seitig in seine generischen Einzelaspekte zerlegt – meist als allgemeiner Vorgang mit immer wiederkehrenden Grundfunktionalitäten. Diese sind im Baukasten für den Einsatz vorbereitet, während individuelle Unternehmensprozesse und Abläufe mit Hilfe von Metadaten beschrieben werden. Nuclos lässt sich vom Anwender auf seinen Anwendungsfall einstellen.
ITM: Wie ist das Release-Management geregelt?
Göttlich: Der Nutzer kann seine Nuclets jederzeit unabhängig von Nuclos weiterentwickeln und anpassen. Softwarepflege und Gewährleistung bleiben davon unberührt. Bei Standard-ERP-Systemen ist das anders: Individuelle fachliche Anforderungen sind hier meist fest in die Lösungen hineinimplementiert.
ITM: Was bedeutet das?
Göttlich: Das heißt, dass bei Anpassungsbedarf das System selbst geändert wird – mit negativen Auswirkungen insbesondere auf die Update-Fähigkeit. Durch die Trennung von technischer Basis und individueller Ausprägung – die Individualisierung liegt im Nuclet, die Generalisierung in Nuclos – stellt ein Update kein Problem mehr dar.
Es bietet sich auch an, unterschiedliche Anwendungen auf der Plattform umzusetzen. Ein Update wird dann automatisch bei allen wirksam. Gleichzeitig lassen sich Nuclets auch auf andere Nuclos-Installationen übertragen. Dadurch ist es möglich, spezialisierte Branchenlösungen an andere Unternehmen weiterzugegeben oder zu verkaufen. An einer Austauschplattform dafür arbeiten wir bereits.
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