23.05.2012
Enterprise Resource Planning
Von: Esther Günes

Dr. Cristian Wieland, Raad Research

Erfolg durch Einzigartigkeit

Im Interview mit Dr. Cristian Wieland, Managing Director bei Raad Research, über den Konflikt zwischen Standard- und Individualsoftware


„Nach unserer Studie investieren mehr als 50 Prozent der Unternehmen in Eigenentwicklungen, wenn sie damit wettbewerbs-differenzierende Prozesse abdecken können. Dies ist somit auch der Hauptgrund dafür, in Eigenentwicklungen zu investieren“, erklärt Cristian Wieland, Managing Director bei Raad Research.

ITM: Herr Wieland, in einer aktuellen Raad-Studie gehen Sie der Frage nach, ob Unternehmen, die Standardsoftware benutzen, im Vergleich zu Unternehmen, die mehr Eigenentwicklungen einsetzen, erfolgreicher sind. Zu welchen Ergebnissen sind Sie diesbezüglich gekommen?

Cristian Wieland: Wir haben Hunderte von Unternehmen danach befragt, wie hoch ihr Anteil an Eigenentwicklungen im Vergleich zum Standardsoftware-Anteil im Unternehmen ist. In den meisten Unternehmen liegt der Anteil an Eigenentwicklungen deutlich unter 20 Prozent. Dann haben wir uns angeschaut, ob sich die Anteile der erfolgreicheren Unternehmen signifikant von denen in weniger erfolgreichen Unternehmen unterscheiden. Es zeigt sich, dass der Erfolg eines Unternehmens nicht davon abhängig ist, ob es mehr Standardsoftware oder mehr Eigenentwicklungen einsetzt. Reine Individuallösungslandschaften bzw. reine Standardsoftwarelandschaften gibt es ohnehin nur in wenigen Unternehmen. Die Unternehmenswelt und der Unternehmenserfolg sind offensichtlich vielschichtiger, als dass sie auf eine einfache Frage reduziert werden können. Der Weg zu Erfolg oder Misserfolg führt über viele unterschiedliche Wege. Trotzdem hat es uns schon lange beschäftigt, diese einfache Frage einmal zu stellen, weil natürlich viele Unternehmen vor der Frage stehen: Kaufe ich es lieber ein oder mache ich es lieber selbst? Wenn wir eine eindeutige Tendenz gefunden hätten, was erfolgreiche Unternehmen tun, wäre das ein guter Hinweis für die Entscheidungsfindung gewesen. So bleibt es dabei, dass es immer eine Einzelfallentscheidung ist.

ITM: Worin liegen Ihrer Ansicht nach die Vor- bzw. Nachteile von Individual- und im Vergleich zu in der Standardsoftware?

Wieland: Die heutigen Softwarelandschaften werden immer komplexer, weil es kaum mehr Arbeitsschritte in Unternehmen gibt, in denen IT-Services keine Rolle spielen. Je komplexer und komplizierter eigenentwickelte Applikationen werden, desto teurer und risikobehafteter werden diese. Auf der anderen Seite kann wahrscheinlich kein Unternehmen gänzlich auf Eigenentwicklungen oder auf ein Customizing von Standardsoftware verzichten, weil jedes Unternehmen speziell ist. Und wenn diese Spezialität wettbewerbsdifferenzierend ist, dann existiert hierfür meist keine Standardsoftware. In diesem Fall überkompensiert der Markterfolg den Aufwand für Eigenentwicklungen.
 
ITM: Inwiefern spielen, den Ergebnissen der Studie nach zu urteilen, finanzielle Mittel eine Rolle bei der Entscheidung für oder gegen eine individuell angepasste Software?

Wieland: Mit der Knappheit der finanziellen Mittel hat jedes Unternehmen zu kämpfen, außer vielleicht Apple. Deshalb spielt dies auch meist eine entscheidende Rolle dabei, ob weiter in die Modernisierung oder Erweiterung von Eigenentwicklungen investiert werden soll. Unternehmen unterziehen große Eigenentwicklungen einem immer wiederkehrenden Review, ob Kosten und Nutzen noch in einem angemessenen Verhältnis zueinander stehen. Existieren dann funktionale Alternativen in Standardsoftware, fällt häufig sinnvollerweise die Entscheidung zur Migration. Diese Migrationen haben wir in der Vergangenheit häufig beobachtet. Große eigenentwickelte Finanzsysteme findet man heute im Vergleich zu vor zehn Jahren nur noch selten im Markt. Wie gesagt, der Eigenentwicklungsanteil liegt in den allermeisten Unternehmen sehr deutlich unter 20 Prozent.
 
ITM: Wie häufig werden wettbewerbsdifferenzierende Prozesse durch Eigenentwicklungen abgedeckt, weil diese Funktionen nicht im Standard enthalten sind?

Wieland: Nach unserer Studie investieren mehr als 50 Prozent der Unternehmen in Eigenentwicklungen, wenn sie damit wettbewerbsdifferenzierende Prozesse abdecken können. Dies ist somit auch der Hauptgrund dafür, in Eigenentwicklungen zu investieren.
 
ITM: Denken Sie, dass Mittelständler aufgrund eventueller Risiken und Stolpersteine bei der Software-Umstellung von einer Einführung von Individualsoftware absehen? Worin können die Risiken bestehen?

Wieland: Natürlich spielt Risikominimierung auch im Mittelstand eine wichtige Rolle, wenn es darum geht, ob man in Individualsoftware investiert oder nicht. Die Risiken sind vielschichtig, da selbst die Frage nach der richtigen Programmiersprache Risiken bergen kann, wenn wir uns beispielsweise an die Datumsumstellung zur Jahrtausendwende zurückerinnern. Auf einmal waren Cobol-Programmierer wieder gefragt und wurden aus dem Ruhestand zurückgeholt.
 
ITM: Wie sehen die Zukunftsaussichten aus – wann sollten Unternehmen auch heute noch zur Individualsoftware greifen?

Wieland: Wenn es für ihre Prozesse keine Standardsoftware gibt und der Standardsoftwarehersteller ihres Vertrauens nicht bereit ist, ihre Anforderungen abzubilden, dann sollten sie darüber nachdenken. Aber auch nur dann, wenn es entscheidend für ihren Markterfolg ist und sie dadurch Wettbewerbsvorteile erzielen. Viel wichtiger als die Entscheidung zwischen Individualsoftware und Standardsoftware ist ohnehin die Frage: Was macht mich als Unternehmen einzigartig und liefert mir diese Einzigartigkeit Vorteile? Häufig ist es wie bei uns Lebewesen. Das menschliche Erbgut unterscheidet sich von dem der Schimpansen lediglich in 1,3 Prozent der Fälle. Im übertragenen Sinne müssen Sie diese 1,3 Prozent Unterschied in Ihrem Unternehmen finden und konsequent ausbauen. Dann ist man erfolgreich.


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