13.06.2008
Organisation, Aktuelle Ausgabe

Drei Fragen an...

In Zeiten knapper Kassen kann der Kauf gebrauchter Softwarelizenzen beim Sparen helfen – bzw. mit dem Weiterverkauf nicht mehr benötigter Lizenzen sogar gutes Geld einbringen. Allerdings schrecken viele IT-Chefs aufgrund mancher Unsicherheiten davor noch zurück, insbesondere auch wegen Unklarheiten über die rechtlichen Bestimmungen.


Doch die Akzeptanz dieser Form des Softwarehandels wächst, zumal auch ERP-Marktführer SAP und selbst Microsoft den seriösen Handel mit gebrauchter Microsoft-Software zumindest dulden. Damit solche Geschäfte auf solider Basis stehen, ist vor allem auch eine exakte Kenntnis der aktuellen Lizenzsituation entscheidend. Zwei Experten beantworten in IT-MITTELSTAND die wichtigsten Fragen.

ITM: In welchen Einsatzfeldern kann ein Unternehmer mit dem Einsatz gebrauchter Software nachhaltig Kosten sparen?
Axel Susen:
Am ehesten, wenn er Software verkauft, die er nicht mehr braucht. Hier bekommt er bares Geld, ohne dass seine IT irgendwelchen Einschränkungen unterworfen ist. Ansonsten ist festzustellen, dass bei den Software-Produkten von Microsoft und SAP die meisten Lizenzkosten zu identifizieren sind.

Beide Hersteller haben sich auf Standard-Produkte spezialisiert. Die Kunden aus unterschiedlichen Branchen können auf die gleichen Lizenzen zurückgreifen. Somit kann eine Sparkasse SAP-Lizenzen eines Automobilzulieferers kaufen. Das findet nicht direkt statt, sondern geht typischerweise über einen Broker wie Susensoftware, der alle Modalitäten und Formalitäten kennt.

Andreas Horländer (Foto rechts): Eine nachhaltige Kostenersparnis ist bei den Folgekosten wie Support und Updates/Upgrades möglich. Bietet ein Lizenzgeber diese Leistungen auch dem künftigen Käufer an, ist eine Kostenersparnis zu erwarten. Problematisch wird es bei Verträgen, die nur zwischen Lizenzgeber und Lizenznehmer abgeschlossen und nicht ohne weiteres übertragbar sind, beispielsweise SA-Verträge (Software Assurance). Mitunter handelt man mit Zitronen, wenn sich bei einem Release-Wechsel herausstellt dass die Update-Kosten der gebrauchten Software höher sind als ein Neukauf mit entsprechendem Vertrag. In die Kaufüberlegungen mit einzube­ziehen ist auch, dass es bei gebrauchten ­Paket- oder OEM-Produkten mitunter zu Registrierungsproblemen kommen kann, falls der Software Vorgänger das Registrierungskontingent bereits erschöpft hat und jede Registrierung beispielsweise telefonisch durchgeführt werden muss.

ITM: Worauf muss ein Käufer achten, ­damit er dabei nicht in juristische Fallen tappt?
Horländer:
Ich kann jedem Käufer nur empfehlen, sich direkt mit dem Lizenzgeber in Verbindung zu setzen und etwaige juristische Probleme im Vorfeld zu klären. Ist dies nicht möglich, sollte das gekaufte Produkt nur als Paketprodukt – Software auf originalem Datenträger + Handbuch, gewissermaßen die Software als körperliches Werk – erworben werden. Hier würde zumindest der Erschöpfungsgrundsatz des Urheberrechts angewendet werden können. Zu den jeweiligen Lizenzbestimmungen des Herstellers sind unbedingt auch dessen AGBs eingehend zu studieren.
Der Käufer sollte sich darüber informieren, was er eigentlich braucht. Beispielsweise gibt es bei Microsoft mehrere Lizenztypen, wie Retail-Box, OEM-Version und Open-Vertrag. Die Software-Produkte sind eigentlich gleich, bestehen aber aus unterschiedlichen Einzelteilen.

Susen: Derzeit ist juristisch nicht geklärt, welche Einzelteile z.B. zu einer Office-Lizenz gehören. Solange das offen ist, empfehlen wir Käufern, wie zum Zeitpunkt des Erstkaufes auch beim Kauf von gebrauchten Produkten darauf zu bestehen, dass alle Bestandteile der Lizenz übergeben werden. Ich rechne damit, dass diese Regelung in der nächsten Zeit durch die Rechtsprechung gelockert wird.
Den größten Schmerz bereitet den Software-Herstellern das Thema „Splitten großer Volumenverträge“. Dies ist eine verständliche Reaktion, da es sich hier um erhebliche Wertbestände handelt. Trotzdem erscheint uns die Rechtslage eindeutig: Der Eigentümer darf die Software-Lizenzen verkaufen. Der Käufer sollte in diesen Fällen auf die führenden Händler zurückgreifen.

ITM: Was ist von einem Notartestat zu halten, mit dem manche Software-Händler werben?
Susen:
Andere Händler werben nicht nur mit einem Notar-Testat, sondern sie benutzen es auch. Alle mir bekannten Juristen erklären aber einhellig, dass ein solches Testat „nett“ sei, jedoch keinen Anspruch auf die Nutzung einer Software beinhalte. Die Einführung eines Notar-Dokumentes in den Handel mit Software ist also ein überaus intelligenter Ansatz, der durch das Ansehen dieser Zunft in Deutschland abgesichert ist. Die Grundidee: Wer etwas gegen ein Notar-Testat unternimmt, untergräbt die deutsche Rechtsordnung.
Übertragen Sie die Frage einmal auf einen anderen Bereich: Gebrauchte Autos werden seit langer Zeit verkauft und gekauft. Würden wir denn ein Auto kaufen, wenn wir nicht den KFZ-Brief dazu bekämen, sondern ein Notar-Testat, aus dem hervorgeht, dass alles ok ist? Ich würde das Auto nicht kaufen und meine Kunden kaufen auch keine derartigen Dokumente. Wir bestehen immer auf die originalen Lizenznachweise.

Horländer: Meines Wissens kann ein Notar lediglich Tatsachen beurkunden, beispielsweise die Willenserklärung des Verkäufers, das Programm gänzlich von allen Datenträgern zu entfernen oder die original Rechnung als Lizenzkaufnachweis dem Käufer zu übergeben. Durch die notarielle Beurkundung wird nach meiner Meinung nicht die Rechtswirksamkeit der Lizenzübertragung bestätigt. Fazit: Ein Gebrauchtkauf kann sich rechnen, sollte aber immer im Einzelfall durch eine unabhängige Beratung geprüft werden. Wesentliche Probleme sehe ich weniger im Kauf als im weiteren Support des Herstellers. Sollten die Supportleistungen dem neuen Lizenznehmer verweigert werden, muss zwangsläufig die Rechtslage unter Umständen langwierig juristisch geklärt werden.


Aktuelle Ausgabe

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