Drei Fragen an...
... Michael Krüger, den Geschäftsführer des SAP-Partners Gisa, der zu den Pionieren bei der Einführung einer „Enterprise SOA“ zählt, und Peter Walser, der als CTO im Vorstand der Abas Software AG den technischen Bereich leitet und die Verantwortung u.a. für die Weiterentwicklung der Business-Software trägt.
Die service-orientierte Architektur (SOA) als Designansatz für flexible IT-Systeme ist alles andere als brandneu. Neu ist schon, dass die Hersteller SOA auf breiter Basis propagieren. Der Grund liegt auf der Hand: Es zeigt sich, dass der Kombination aus ihren großen monolithischen Softwarepaketen und gewachsenen Infrastrukturen die nötige Flexibilität fehlt, damit Unternehmen rasch auf veränderte Vorzeichen im Markt reagieren können.
SOA ist ein geschäftsprozessorientierter Software-Designansatz für verteilte Applikationssysteme, bei dem fachliche Dienste und Funktionalitäten in Form von Services im Mittelpunkt der Betrachtung stehen – statt wie bisher technische Komponenten und Schnittstellen. Müssen die IT-Hersteller also wohl oder übel SOA-Techniken nutzen, wollen sie ihre Produkte modernisieren, haben sich viele Anwender mit SOA noch nicht befasst oder erproben sie erst in kleinen Schritten. Meist befassen sich Großkonzerne bereits ernsthaft mit SOA-Projekten, während Mittelständler sich in der Phase der Beobachtung und Informationsbeschaffung befinden.
Vor diesem Hintergrund befragte IT-MITTELSTAND zwei Experten, wann, wie und für wen SOA schon heute zum Thema werden könnte. Dabei handelt es sich um Michael Krüger, den Geschäftsführer des SAP-Partners Gisa, der zu den Pionieren bei der Einführung einer „Enterprise SOA“ zählt. Einen anderen Blickwinkel hat Peter Walser, der als CTO im Vorstand der Abas Software AG den technischen Bereich leitet und die Verantwortung u.a. für die Weiterentwicklung der Business-Software trägt.
ITM: Wann sind service-orientierte Architekturen ein Thema für den Mittelstand – und wann nicht?
Peter Walser: Jeckie Fenn von Gartner hat in den 90er Jahren des vergangenen Jahrhunderts den Begriff des Hype Cycle geprägt. Dieser Zyklus beschreibt, welche Phasen der öffentlichen Aufmerksamkeit eine neue Technologie bei deren Einführung durchläuft. SOA befindet sich gerade zwischen der ersten und zweiten Phase des Hype-Zyklus. Es ist ein beachtliches Interesse des Fachpublikums zu verzeichnen, Trittbrettfahrer steigen auf das Thema auf, Berichte überstürzen sich und erzeugen oft übertriebenen Enthusiasmus und unrealistische Erwartungen.
Es mag durchaus erfolgreiche Anwendungen der neuen Technologie geben, aber die meisten kämpfen mit Kinderkrankheiten. Der Mittelstand denkt eher konservativ, Nachhaltigkeit und Nutzen der Technologie stehen für ihn im Mittelpunkt der Betrachtungen. Daher wird der Mittelstand abwarten, bis das so genannte „Tal der Enttäuschungen“ durchschritten ist und realistische Einschätzungen wieder auf den „Pfad der Erleuchtung“ führen. Erst wenn SOA ein Plateau der Produktivität erreicht hat, wenn die Vorteile allgemein anerkannt und akzeptiert sind, wird die service-orientierte Architektur ein Thema für den Mittelstand.
Michael Krüger: SOA sollte in erster Linie der Unterstützung und Vereinfachung von Geschäftsprozessen dienen. Auslöser sollte nicht die Modernisierung von IT-Strukturen sein. Der Mittelstand muss zunächst analysieren, welche Standardprozesse Zeit- und Ressourcenfresser sind und wie viel Einsparpotential sich durch eine vollständige Digitalisierung des Prozesses ergeben würde.
Um SOA sinnvoll einzusetzen, sollte der betrachtete Prozess bestimmte Eigenschaften aufweisen. Ist er in Einzelschritte zerlegbar? Treten Medienbrüche auf, die Kosten und Zeit verursachen? Gibt es Schritte, die in anderen Geschäftsprozessen auftreten und somit wieder einsetzbar sind? Und lassen sich am Markt befindliche Services effektiv integrieren?
ITM: Was spricht dafür, dass ein Mittelständler zu den SOA-Pionieren gehört und heute schon mit der Umsetzung beginnt?
Krüger: Der Mittelstand sollte sich frühzeitig mit dem prozessorientierten Denken auseinander setzen. Die Verantwortung für einen Prozess liegt nicht mehr in der Hand des IT-Verantwortlichen, sondern wird vom Prozessverantwortlichen wahrgenommen. Die IT-Systeme treten damit in den Hintergrund und dienen in erster Linie der Verbesserung und Vereinfachung des Prozesses. Eine konsequente SOA-Strategie bietet Unternehmen die Möglichkeit, komplexe Anwendungssysteme schrittweise zu restrukturieren. Das heißt, historisch gewachsene, heterogene Systemlandschaften schnell an Änderungen im Geschäftsprozess anpassen zu können. Für uns hatte die frühe Umstellung den Vorteil, dass wir bei der Umsetzung des Rechnungslegungsprozesses auf die enge Unterstützung unseres Softwarelieferanten zugreifen konnten. Wir standen direkt im Erfahrungsaustausch mit den Entwicklern und konnten im Umkehrschluss wertvolle Hinweise aus der Praxis liefern und die Lösung und das Vorgehen direkt beeinflussen.
Walser: Wir sollten hier zwischen SOA und der Verwendung von Webservices unterscheiden. Da die Schnittstellen zum Aufbau einer service-orientierten Architektur nicht standardisiert sind, muss ein SOA-Pionier die Services seiner Softwarekomponenten selbst zusammenführen.
Die Integration von unterschiedlichen Anwendungen über Webservices wird heute bereits erfolgreich praktiziert. Es gibt eine Vielzahl von Webservices, die ein Mittelständler nutzbringend einsetzen kann. Beispielsweise haben wir in der Business-Software für unsere Anwender Services wie Kreditkartenabwicklung, Anbindung von Katalogen, Umrechnung von Währungskursen in Echtzeit und Ähnliches angebunden. Diese Webservices stellen für unsere Anwender einen echten Nutzen dar, sei es um den eigenen Kunden eine bessere Service-Qualität anzubieten oder Prozesse im eigenen Unternehmen effektiver und einfacher zu gestalten. Mit solchen erprobten Services zu beginnen, macht für Mittelständler durchaus Sinn.
ITM: In welchen Einsatzfeldern dürfte sich der SOA-Einsatz im Mittelstand am meisten lohnen – und welche typischen Stolpersteine sind zuvor aus dem Weg zu räumen?
Walser: SOA könnte die Anbindung von Zusatzlösungen wie z.B. BDE, CAD, MES oder Dokumentenmanagementlösungen an das ERP-System erleichtern. Idealerweise stelle ich mir vor, dass ich in einem Katalog die gewünschten Services auswähle und diese auf Knopfdruck miteinander zusammenarbeiten. So können Geschäftsprozesse über verschiedene Softwareprodukte hinweg schnell und einfach integriert werden.
Die heute noch fehlende Standardisierung von Services und Service-Bussen erlaubt es noch nicht, die Vorteile einer integrierenden Softwarearchitektur „Out of the Box“ zu nutzen. Einige Schwergewichte der IT-Branche entwickeln derzeit unabhängig voneinander eigene Standards. Wenn es nicht gelingt, sich auf einen einzigen Standard von Services und Bussen zu einigen, ist der Nutzen für den Anwender einer serviceorientierten Software-Architektur fragwürdig.
Krüger: Der betrachtete Prozess sollte möglichst standardisierte Schritte beinhalten. Beispiele sind Abrechnungsprozesse wie die Personal-, Verbrauchsabrechung oder Rechnungslegung. Vorteilhafter ist es für den Anfang, wenn man mit Teilprozessen beginnt und nicht alle Prozesse auf einmal umstellen will. Auf jeden Fall sollte das Aufwand-Nutzen-Verhältnis oberstes Entscheidungskriterium sein. Um einen Umstieg auf SOA langfristig zu verfolgen, ist eine organisatorische Neuaufstellung in IT-Projekten ratsam. Wir haben uns z.B. dazu entschlossen, ein SOA-Management aufzubauen. Dazu gehören Prozessdesigner, Servicearchitekten und Entwickler sowie Plattformspezialisten für die Geschäftsprozessplattform. Zudem ist ein Hauptverantwortlicher für die Steuerung und Planung des Projektes zuständig.
Titelinterview
mit Dr.-Ing. Eggert de Weldige, Technischer Geschäftsführer der Maschinenfabrik Köppern, und IT-Leiter Andreas Engelbrecht
IT-Finanzierung
Althardware als Finanzierungsquelle
Virtualisierung
Weiter auf Wachstumskurs
Meistgelesene Artikel
Telekom killt Flatrates
Höchste Zeit für Ordnungspolitik
Usage-based insurance
Telekom und Drivefactor bieten Versicherungen M2M-Lösung
Titelinterview mit den ITML-Geschäftsführern Willy Krießler und Tobias Wahner
Die ERP-Welt dreht sich heute schneller
Telekom killt Flatrates
Minister Rösler ist nicht amüsiert
Anwender sind konservativ
Überraschung: Windows 8 ist anders
Meistgelesene Interviews
Titelinterview mit den ITML-Geschäftsführern Willy Krießler und Tobias Wahner
Die ERP-Welt dreht sich heute schneller
Interview mit Michael Rudrich, Websense
Montags schnappt die Falle zu
Interview mit Dr.-Ing. Eggert de Weldige und Andreas Engelbrecht von der Maschinenfabrik Köppern
Geschäftsfeld gedreht
Nachgefragt bei Dr. Matthias Graupner, Oliver Deibler, Comparex
Die Risiken minimieren
Nachgefragt bei Max Waldherr, Dell
Schlüssel zum Königreich




