15.02.2012
Strategy
Von: Ingo Steinhaus

Wirtschaftsbuch

Digitalkapitalistische Chaospiloten

Zertifizieren, Dokumentieren, Evaluieren - auch im IT-Management gehört dieser Dreischritt zum Alltag. Christoph Bartmann hat ein melancholisches Buch darüber geschrieben.


Sichtbar: Leben im Büro

"Leistung ohne Leistungsdarstellung und zusätzlicher Darstellungsleistung gibt es es nicht", meint Christoph Bartmann. In seinem Buch "Leben im Büro" stellt er fest: Der moderne Manager ist nicht mehr der gehorsame Bürokrat alter Zeit. Er ist eine selbstgesteuerte Anpassungsmaschine, die dauernd ihre Leistung herzeigen ("sichtbar machen" im Managerjargon) muss und über Zielvereinbarungen und Prozesse gesteuert wird.

Unter dem Banner der Exzellenz und der Qualität herrscht ein strenges Reglement. "Wir sind von Vorschriften umstellt", berichtet Bartmann, der das New Yorker Goetheinstitut leitet. Am Beispiel der Wandlung des öffentlichen Dienstes in den letzten beiden Jahrzehnten schildert er die Probleme und Alltagssorgen des Managers.

Sie lassen sich wenigen Sätzen zusammenfassen: Zu viele Meetings, zu viele Nebenarbeiten wie Zertifizieren oder Evaluieren, zu viel Arbeit mit dem Dokumentieren der Arbeit. Kurz: Die eigentliche Aufgabe droht in einem Morast aus Formalien zu verschwinden. Sie ist marginalisiert worden, irgendwo auf dem Weg der öffentlichen Dienste von Ausführungsverordnung und Kameralistik zum computerbasierten "New Public Management" mit doppelter Buchführung.

So muss der New Public Manager jetzt Standards, Normen und Zertifikate einhalten, deren Einhaltung dokumentieren und sich regelmäßig bei der Einhaltung und Dokumentation evaluieren lassen. Dies alles muss natürlich in Meetings besprochen, auf Powerpoint-Folien präsentiert und in Berichten zusammengefasst werden.

So ungefähr könnte das auch ein Manager in einem beliebigen Konzern schildern. Denn die melancholisch stimmende Analyse von Bartmann legt nahe, dass es kein außerhalb mehr gibt. Die von ihm "Managerismus" getaufte Denkweise kennt keine Alternative, sondern nur die freudige Unterordnung der "digitalkapitalistischen Chaospiloten".

Doch das Buch bietet mehr als nur den wehmütigen Abgesang auf den Fachexperten alter Prägung, der dem universell halbgebildeten Spezialisten für's Managen Platz gemacht hat. Bartmann ist außerdem eine materialreiche Geschichte des Managerismus gelungen.

Sie führt die Leser in einem langen Bogen von den Bürokratietheorien Alfred und Max Webers über die Managementtheorie bis zu Foucaults Vorstellung von der "Selbstregierung des Subjekts". Und die umfangreiche Literaturliste verweist auf viele lesenwerte Bücher über Evaluationswahn, die Kirche des Change und Seelenrettung mittels positiver Psychologie.

"Leben im Büro" ist ein Kompendium der Managementkritik und ein Überlebensratgeber für Managementmüde.

Bildquelle: Hanser


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