23.05.2012
Virtualisierung
Von: Siegfried Dannehl

Client-Virtualisierung auf dem Vormarsch

Der PC wird zum Auslaufmodell

Nach der Server- und Speichervirtualisierung fasst jetzt auch die Client-Virtualisierung im Mittelstand Fuß. Eine treibende Kraft ist die steigende Mobilität der Mitarbeiter im Arbeitsalltag – damit verbundene Herausforderungen an die Datensicherheit können sich mit neuen Architekturkonzepten bewältigen lassen.


Der Betrieb traditioneller Desktopinfrastrukturen, angefangen von der Beschaffung über die Konfiguration, Installation und Helpdesk bis hin zu Sicherheit, Compliance und Management, stellt einen nicht unerheblichen Kostenfaktor dar. Diese Kosten zu senken und die Client-Infrastrukturen von Unternehmen flexibler zu machen, sowohl hinsichtlich sich ändernder Marktanforderungen als auch hinsichtlich neuer Arbeitsplatzmodelle, ist das Ziel von Client-Virtualisierungslösungen.

Nicht nur die Zahl, auch die Ansprüche mobiler Mitarbeiter steigen. Ging es in der Vergangenheit darum, den E-Mail- und Kalenderzugriff zu gewährleisten, ist es im Streben nach immer mehr Arbeitseffizienz heute notwendig, mobilen Mitarbeitern auch Fernzugriffe auf unternehmensinterne ECM-, ERP- oder BI-Applikationen zu ermöglichen. Unterstützt wird diese Entwicklung sowohl durch eine neue Generation leistungsstarker Smartphones und Tablets als auch durch neue Nutzungsmodelle. Unter dem Motto „Bring your own Device“ wollen Mitarbeiter immer häufiger eigene Notebooks, Tablets oder Smartphones nicht nur privat, sondern auch geschäftlich nutzen. Was unter betriebswirtschaftlichen Aspekten durchaus eine „Win-win-Situation“ sein kann, stellt die IT-Verantwortlichen im Hinblick auf das Device Management und die Datensicherheit vor Herausforderungen. Als Lösung wird von vielen Experten die Client-Virtualisierung betrachtet. Sie kann nicht nur dazu beitragen, die Client-Betriebskosten zu senken, – auch in puncto Datensicherheit eröffnen sie neue Perspektiven.

Die Weichen sind gestellt

Nach Studien des Beratungsunternehmens Techconsult sind nahezu alle Unternehmen mit mehr als 3.000 Mitarbeitern bereits mit verschiedenen Varianten der Desktop- bzw. Client-Virtualisierung in Kontakt gekommen und setzen deren Elemente im Unternehmen ein. „Modelle wie Server based Computing/Terminal Services oder Application Streaming werden in ausgewählten Prozessebenen bereits eingesetzt, dagegen kommt die Bereitstellung eines kompletten Desktops als Virtual Desktop Infrastructure (VDI) meist noch punktuell zum Einsatz“, erklärt Stefan Neitzel, Research Analyst bei der Techconsult GmbH.

Gerade das VDI-Modell gewinnt nach Ansicht von Stefan Neitzel zunehmend an Bedeutung und führt zu einem Wachstum der Investitionsbereitschaft. Bereits über 65 Prozent der Unternehmen aus diesem Größenklassensegment, so das Ergebnis einer Umfrage aus dem Herbst 2011, sehen Client-Virtualisierung als etablierte Technologie an und planen innerhalb der nächsten 24 Monate Investitionen anzuschieben. Ein flächendeckender Einsatz und die Einführung im Sinne eines „Big Bang“ sind laut Neitzel die große Ausnahme. Auf Basis ihrer Erfahrungen mit Server-Virtualisierung, Application-Virtualisierung oder Terminal Services ist meist eine schrittweise Annäherung an VDI geplant.

Nach Einschätzung von Wolfgang Schwab, Manager Advisor & Program Manager Efficient Infrastructure bei der Experton Group, kommen aus heutiger Sicht für den breiten Einsatz im Wesentlichen zwei Client-Virtualisierungsansätze zum Einsatz: Entweder „Session-/ Presentation-Virtualisierung“ oder „VDI“ – für mobile Mitarbeiter kann auch Application Streaming interessant sein. Entscheidend bei der Auswahl sind laut Schwab zwei Fragen: Muss es eine durchgängige Lösung für die Mehrzahl der Arbeitsplätze sein? Wie soll mit der Offlinefähigkeit umgegangen werden? „Je breiter eine durchgängige Lösung bereitgestellt werden soll, desto eher wird VDI interessant. Ist die Offlinefähigkeit wichtig, kommt Application Streaming in die engere Wahl, wohl wissend, dass nicht alle Anwendungen Streaming-fähig sind“, resümiert Wolfgang Schwab. Entsprechend breit ist inzwischen das Angebot an Desktopvirtualisierungslösungen für unterschiedlichste Anwendungsszenarien.

Gleiche Policy für alle Umgebungen

App Sense, Hersteller von User-Virtualisierungslösungen, bietet Anwendern eine modulare Multi-Plattform-Umgebung. Die UV-Plattform des Unternehmens verwaltet einzelne Benutzerelemente dynamisch und unabhängig von der zugrunde liegenden Desktop- und Anwendungsplattform. Dazu zählen unter anderem die Desktopkonfiguration, Personalisierungseinstellungen und Benutzerberechtigungen. Mit dem Data-Now-Modul hat das Unternehmen im April einen weiteren Baustein vorgestellt, der Benutzern den Datenzugriff von jedem Ort aus ermöglichen soll – egal ob vom PC des Unternehmens, von privaten PCs, Tablets oder Smartphones. Basis ist ein granulares und durch die Policy geschütztes Framework, das die lückenlose Sicherheit und die Einhaltung von Unternehmensrichtlinien gewährleistet.

Die UV-Plattform stützt sich auf eine hochskalierbare Drei-Schichten-Architektur, bestehend aus Client-Computer, Personalization Server und einer SQL-Server-Personalisierungsdatenbank. Der Client-Computer hostet die Benutzer-Session, die ihrerseits die App Sense User Virtualization Platform Agents beinhaltet. Diese Module überwachen sämtliche Änderungen, die ein Benutzer an seinem Betriebssystem und den verwalteten Anwendungen vornimmt, und melden diese an den Personalization Server weiter. Der Personalization Server fungiert als Vermittler zwischen Client und Datenbank und stellt einen sicheren Kanal zum Lesen und Schreiben von personenbezogenen Daten dar. Die SQL-Server-Personalization-Database speichert sämtliche Benutzerpersonalisierungseinstellungen auf Anwendungsbasis bezogen auf die Personalisierungsstandorte und -server, Benutzer und Gruppen, Anwendungen und Konfigurationsdaten der Endgeräte. Die Einstellungen werden abgelegt, wenn der Personalization Server im Auftrag eines Client-Computers die neuesten Einstellungen abfragt. Alle Änderungen am Client-Computer werden dann wieder über den Personalization Server mit der SQL-Datenbank synchronisiert.

Beim Wechsel auf ein anderes Betriebssystem – etwa von Windows XP auf Windows 7 – spielen Inkompatibilitäten zwischen unterschiedlichen Profiltypen keine Rolle mehr. Sämtliche Einstellungen werden auf dem neuen System so gesetzt, wie sie sich auf dem vorherigen System befunden haben. Auch das Vorhalten und Administrieren verschiedener virtueller Umgebungen ist nicht mehr nötig. Einsparpotential besteht, wenn die Zahl der gleichzeitigen Nutzer geringer ist als die der Gesamtnutzer. Da die persönlichen Konfigurationen des Anwenders von der Hardware völlig entkoppelt sind, können Anwender einen beliebigen freien Desktop verwenden – ohne Einschränkungen durch Standardisierung und ohne lange Anmeldezeiten durch Roaming Profiles.

VDI leicht gemacht

Die Vorteile einer Virtual Desktop Infrastructure liegen auf der Hand: Kosteneinsparungen bei der Hardware und im IT-Betrieb, die sichere Lagerung von Unternehmensdaten auf einem zentralen Server sowie ein geringer Strombedarf. Trotzdem schrecken gerade KMUs vor dem Umstieg zurück, fürchten sie doch die Komplexität. Mit neuen VDI-Bundles, die sämtliche Hardware und Software zum VDI-Umstieg beinhaltet, richtet sich Fujitsu an genau diese Zielgruppe. Die VDI-Lösungen kommen in zwei Größen – eine für Unternehmen mit bis zu 42 Arbeitsplätzen, die andere für Unternehmen mit bis zu 20 Arbeitsplätzen. Bei beiden ist ein VDI-optimierter Primergy TX200 S6 Server dabei sowie Zero Clients mit Netzwerkkarte, die direkt über das Netzwerk an den Server angeschlossen werden. Hinzu kommen ein Monitor, eine Tastatur und eine Maus zur Bedienung des Servers – die Software ist vorinstalliert. Auch für Unternehmen mit Wachstumsplänen sollen sich die angebotenen VDI-Lösungen eignen: An den Host-Server und die Switches können bei Bedarf weitere Zero Clients angeschlossen werden. Über einen Fujitsu Portable Zero Client im USB-Format können vorhandene PCs und Notebooks als VDI-Hosts genutzt werden.

„Keep it simple“, lautet ebenfalls das Motto von Citrix und Dell, die kürzlich eine Zusammenarbeit in VDI-Appliances bekannt gegeben haben. Künftig ist Citrix VDI-in-a-Box in das Dell-Produkt DVS Simplified integriert. Die neue Lösung soll vor allem Mittelständlern den Weg zur Desktopvirtualisierung erleichtern. Mit der Unterstützung der VDI-in-a-Box-Software bieten die beiden Unternehmen eine hardwarebasierte VDI-Appliance, die durch ihre Vorzertifizierung standardmäßig eine festgelegte Anzahl an Desktops unterstützt. Die Appliance lässt sich direkt nach dem Auspacken in Betrieb nehmen. Durch das Baukastenprinzip können zusätzliche Appliances hinzugefügt werden. Zudem wurde das „Citrix Ready“-Programm auf die neue Lösung ausgeweitet. Mit Hilfe der Zertifizierung sehen Kunden, ob ein Produkt für die Zusammenarbeit mit VDI-in-a-Box geeignet ist. Mit der Citrix-Receiver- Software können Benutzer mit nahezu jedem Endgerät mit einem virtuellen Desktop arbeiten.

„Mobile Mitarbeiter wollen immer, von überall und mit ihrem bevorzugten Endgerät Zugriff auf die gerade benötigten Applikationen und Daten haben. Gerade die IT bei Mittelständlern hat ein Interesse daran, dass sich die Komplexität einer vorhandenen heterogenen IT-Landschaft nicht vergrößert und die Zuverlässigkeit und Sicherheit gewahrt bleibt“, meint Frank Dostal, Field Product Manager Clients bei Dell. Nach einer Definition der Benutzergruppen gilt es, die passende Lösung auszuwählen und deren Kosten und Nutzen zu kalkulieren. Eine Appliance wie Dell DVS Simplified mit Software von Citrix bietet laut Dostal einen praktikablen Ansatz. In vier Schritten können die IT-Mitarbeiter eines Mittelständlers virtuelle Desktops für ihre Anwender bereitstellen. Ein weiterer Vorteil ergebe sich durch die Bündelung von vorkonfigurierter Hardware, vorinstallierter Software und Support.

Speicherhersteller ziehen mit

Derweil beginnt sich auch das Speichersegment auf die steigende Bedeutung von VDI-Lösungen einzustellen. Die VDI-IOmark.org wurde von dem IT-Analystenhaus Evaluator Group gemeinsam mit Industrieverbänden, Herstellern und IT-Anwendern ins Leben gerufen. Der VDI-IOmark-Benchmark-Test ist ein Service und wurde für Speicherlösungen entwickelt. In der Testreihe wird die I/O-Leistung eines Systems unter realistischen Arbeitslasten ermittelt, ohne dass teure Server und Anwendungen eingerichtet werden müssen. Hierfür werden I/O-Replay-Nutzungsszenarien von Boot Storms bis hin zu Steady-State-Operations nachgestellt.

Als einer der ersten Hersteller  konnte Hitachi Data Systems die „VDI-Tauglichkeit“ seiner NAS-Plattform nachweisen. Die Testkonfiguration des VDI-IOmark bestätigt, dass die Speicherlösung mehr als 1.500 VDI-Arbeitsplätze mittels eines einzigen NAS-Controllers unterstützt und dank ihrer hohen Skalierbarkeit und Leistungsfähigkeit auch I/O-Storms ohne zusätzlichen Aufwand bewältigt. Zudem ermöglicht die Lösung von Hitachi Data Systems ein vereinfachtes VDI-Management durch die vollständige Integration mit VMware vCenter. „Die Auswahl der richtigen Speicherarchitektur ist die Voraussetzung für virtualisierte Umgebungen. Diese entwickeln sich ständig weiter und umfassen Tausende virtuelle Maschinen, virtuelle Desktops und unternehmenskritische Anwendungen“, so Ravi Chalaka, Vice President, Product and Solutions Marketing bei Hitachi Data System.

Bildquelle: © Okea/istockphoto.com


Aktuelle Ausgabe

Titelinterview: Webbasiertes ERP-System
mit Markus Hirth, John GmbH

Video-überwachungstechnik
IT-Sicherheit auf dem Firmengelände

IT-Virtualisierung
Welche Virtualisierungslösungen im Mittelstand?

Neue Wege des Arbeitens

Windows 8
Mit mehr Sicherheit besser - und flexibler

Das neue Office
Immer und überall produktiv

Internet Explorer
Der Webbrowser rückt in den Fokus

Interview mit Markus Hirth, Leiter IT und Controlling der John GmbH.

Im Interview mit Markus Hirth, Leiter IT und Controlling der John GmbH. Der Produzent von PVC-Bällen setzt seit langem auf ein webbasiertes ERP-System...mehr lesen »

IT Mittelstand Newsletter
IT-Sicherheit: Moderne Videoüberwachung

Es tut sich was in Sachen Videoüberwachung auf dem Firmengelände: Neue Analysefunktionen, integrierte Sabotageerkennung und Software-Tools, die datenschutzrelevante Themen wie die Mitarbeiterüberwachung am Arbeitsplatz auf technischer Ebene verhindern. Doch bevor ein System ausgewählt und Kamerastandorte bestimmt werden, muss die „Hürde“ Betriebsrat genommen werden...mehr lesen »