30.07.2012
Storage Speichermanagement

Backup-Strategien für den Mittelstand

Dem IT-Crash vorbeugen

Expandierende Mittelständler stehen vor der Herausforderung, zusätzliche Verfügbarkeit von Applikationen bereitzustellen und gleichzeitig mit den wachsenden Datenmengen zurechtzukommen. Das heißt: die Effizienz und Verfügbarkeit ihrer IT-Infrastruktur zu erhöhen – und dies in einem Kostenrahmen, den das Unternehmen tragen kann.


Hohe Verfügbarkeit der IT-Systeme ist nicht länger ein Privileg großer Firmen“, weiß Andreas Lappano, Director Channel Sales beim Systemsoftwarehersteller CA Technologies. „Sie ist heute Standard für Unternehmen jeder Größe, welche auf eine durchgängige Verfügbarkeit und einen kontinuierlichen Schutz für Dateiserver, Daten und Anwendungen angewiesen sind.“ Doch dieses Privileg kostet, wenn auch nicht mehr so viel wie vor zehn Jahren. Die Frage ist deshalb: Wie können Mittelständler mit möglichst geringem Aufwand die höchstmöglichen Verbesserungen bei der Verfügbarkeit ihrer wichtigsten Daten und IT-Anwendungen erreichen? „Dazu muss zunächst eine Analyse und Klassifizierung der existierenden Anwendungen und Datenbestände im Unternehmen durchgeführt werden“, empfiehlt Viktor Hagen einen systematischen Ansatz.
 
Die notwendige IT-Verfügbarkeit ermitteln

Hagen, Evangelist Cloud Computing beim Netzwerkmarktführer Cisco, stuft zunächst alle IT-Anwendungen als „unternehmenskritisch“, „weniger unternehmenskritisch“ und „unkritisch“ ein. Danach betrachtet er die unternehmenskritischen Bereiche genauer und definiert individuelle Anforderungen für deren Elemente. In erster Linie sind das die maximal hinnehmbaren Verzögerungen sowie die Down- und Recovery-Zeiten von Anwendungen und Daten im Unternehmen.

Auch für den IBM-Experten Dr. Wolfgang Rother stellt sich primär die Frage, welche Verfügbarkeitsanforderungen gestellt werden. Pauschal lasse sich die Frage nicht beantworten. „Prinzipiell schätzen wir, dass über 90 Prozent der Unterbrechungen durch planbare Ereignisse verursacht werden“, verweist Rother auf Arbeiten wie Wartung, Upgrades, Patches oder die Datensicherung. „Daher ist die Anschaffung eines Backup-Systems und die Implementierung einer lokalen Lösung mit Hard- oder Software-Applikation immer empfehlenswert.“
Die Frage nach dem richtigen Ansatz bei der Hochverfügbarkeit kann nur individuell vor dem Hintergrund der Situation im Unternehmen beantwortet werden, zumal die IT-Infrastrukturen und Verfügbarkeitsanforderungen sehr unterschiedlich sein können. „Zunächst einmal sind die Anforderungen hinsichtlich ‚Recovery Time Objective’ (RTO) und ‚Recovery Point Objective’ (RPO) zu definieren“, pflichtet IBM-Experte Peter Nimz seinen beiden Kollegen bei. Damit meint er die Zeit (Tage, Stunden, Minuten), die bis zur Wiederherstellung der IT-Systeme verstreicht (RTO), und den Datenverlust (Tage, Stunden, Minuten oder letzte Transaktion), der dabei noch akzeptabel ist (RPO).

Darüber hinaus muss geklärt werden, ob Desaster-Recovery-Szenarien abgedeckt werden müssen, um sogar die Zerstörung der kompletten Infrastruktur etwa durch Naturkatastrophen oder Terroranschläge abzufangen. Die Bandbreite der Lösungen variiert von dedizierten Hochverfügbarkeits-Suites zur Replikation von Daten und Anwendungen über innovative Funktionen im Betriebssystem wie „Live Partition Mobility“, die ein „Verschieben“ von Workloads auf andere Rechner im laufenden Betrieb ermöglicht, bis hin zur Datensicherung auf Magnetband, dem klassischen „Backup“. Stefan von Dreusche, Director Central Europe bei Datacore, nennt als einen guten Weg zu mehr Verfügbarkeit die Speicher-virtualisierung per Storage-Hypervisor; sie erlaube den Einsatz kostengünstiger Standardkomponenten, die sich auch ein Mittelständler leisten kann. „Tatsächlich zählen die meisten unserer Kunden zum Mittelstand“, betont von Dreusche. „Zwei einfache Standardserver mit Disks und Storage-Hypervisor-Software schaffen 99,999 Prozent Verfügbarkeit und bringen alle Enterprise Features mit, um Daten zu spiegeln, zu verwalten, zu replizieren und zu migrieren.“

Interne und externe Backup-Strategien

„Grundsätzlich gibt es eine interne und eine externe Strategie, um optimale Ergebnisse in Bezug auf Aufwand und Ergebnis bei der Verfügbarkeit zu erreichen“, gibt Martin Dirlewanger zu bedenken. Mit der internen Lösung meint der Prokurist bei Computerkomplett Steinhilber Schwehr, dass die notwendigen Hardwarekomponenten redundant ausgelegt sind, möglichst als Cluster- oder Metro-Cluster-Lösungen. „Die Server- und gegebenenfalls Storage-Virtualisierung bringt hohe Verfügbarkeit und Flexibilität mit sich“, so Dirlewanger. „Ein gut umgesetztes Security-Konzept rundet diese interne Strategie ab. Diese Ansätze sind nicht billig, bieten aber hohe interne Verfügbarkeit und damit Unabhängigkeit vom Internet.“ Die externe Strategie baut auf Cloud-Services auf. Benötigte Anwendungen werden über Software as a Service (SaaS) abgerufen oder angemietet. Der tatsächliche Aufwand wird über Pay per Use berechnet, bei dem die Nutzungspreise gegebenenfalls nach Anzahl gestaffelt werden. Über die Cloud wird auch Infrastructure as a Service (IaaS) angeboten. Dabei wird die Infrastruktur als Basis für beliebige Anwendungen angemietet. „Meist ist die externe Cloud-Strategie die kostengünstigste Lösung, die gleichzeitig die höchste Flexibilität und Skalierbarkeit gewährleistet“, rechnet Dirlewanger vor. Um eine optimale Verfügbarkeit sicherzustellen, hält Cisco-Mann Hagen Infrastrukturmaßnahmen für notwendig. „Je nach Komplexität und Ressourcen können diese in einem unternehmensinternen Prozess manuell oder automatisiert geleistet werden“, trifft Hagen die gleiche Unterscheidung wie Dirlewanger. „Ein gangbarer Weg ist auch die externe Lösung über einen Hosting-Dienstleister, der ein Backup der Daten und den Ersatzbetrieb von Anwendungen an einem separaten Standort über einen Cloud-Service bereitstellt. Dieser kann in verschiedensten Formen genutzt werden – als Backup-Lösung oder in Form eines umfänglichen Ersatzbetriebs.“

BMC-Geschäftsführer Ismail Elmas rückt die IT-Services und den Support in den Mittelpunkt. Die Planung der Services, ihre Performance und ihre Kapazitäten werden mit einer System-Management-Software verwaltet. „Über eine Cloud-Plattform kann der Investitionsaufwand über Vorteile wie erhöhte Skalierbarkeit und Prozessübernahme rasch wieder eingeholt werden“, meint Elmas. Die Cloud biete zudem den Nutzen, dass sie vielseitig ist und verschiedenste Services liefern kann. „Ein möglicher Lösungsweg kann eine Verlagerung in die Cloud sein“, pflichtet ihm Peter Dümig bei, Field Product Manager Enterprise Solutions bei Dell. „Für externe Backups, aufwendige Software – SAP oder ähnliche Anwendungen – oder als ‚spill-over’ für vorhandene Lösungen bietet sich eine Cloud an.“
„Gerade wenn es um die wichtigen Daten und IT-Anwendungen geht, sind Backup-Lösungen und redundante Systeme in der Cloud parallel zur hauseigenen IT-Umgebung eine schnelle und oftmals kostengünstige Alternative zu konventionellen IT-Investitionen“, meint Philipp Stute, Projektmanager bei der Janz IT AG. Mit einem solchen „Outtasking“ könne ein Mittelständler große Verbesserungen seiner IT-Verfügbarkeit bei vergleichsweise geringem Aufwand erreichen.

Ein Dienstleister stellt das Notfallrechenzentrum

Für Bernd Gill, Service Innovation Manager bei HP, ist es durchaus eine Option RZ-Kapazitäten eines IT-Dienstleisters als Notfallrechenzentrum zu nutzen. „Oder der Mittelständler lagert den Basisbetrieb seiner kritischen Anwendungen aus“, so Gill weiter. „Etablierte IT-Dienstleister verfügen über redundante Rechenzentren, sie haben standardisierte und automatisierte IT-Prozesse, erfüllen hohe Security-Standards und sie bieten garantierte Service Level Agreements (SLA) – alles Dinge, die die meisten Mittelständler nur mit großem Aufwand selbst bewerkstelligen können.“

Denn neben den klassischen Storage-Einstiegsmodellen gibt es hier eine Vielzahl an Alternativen.  Aufgrund von Vorteilen wie flexible Skalierbarkeit, Abrechnung nach Verbrauch sowie planbaren Kostenstrukturen bei verbessertem Datenzugriff setzen viele Unternehmen hier auf die Private Cloud. „Gleichwohl werden Applikationen wie etwa Backup oder Archivierung häufig auch in Public Clouds verlagert oder als Managed Services ausgelagert“, beobachtet Netapps Deutschland-Chef Alexander Wallner. Dies ist etwa bei zu geringen internen Ressourcen oder aus Kostengründen interessant. Entscheidet sich ein Unternehmen für eine Private-Cloud-Lösung, führt der einfachste und sicherste Weg dorthin über die durchgängige Virtualisierung. Das vermeidet Ineffektivität und Kostenbelastungen, die uneinheitliche Verwaltungstools und vielfältige Prozesse herkömmlicher Architekturen hervorrufen. „Erst in der kombinierten Virtualisierung von Server, Applikation, Storage und Netzwerk lassen sich alle Vorteile der Cloud für die Verwaltung und Bereitstellung von Services nutzen“, schränkt Netapps Deutschland-Chef Alexander Wallner ein. „Um für Kunden diese All-in-One-Virtualisierung zu vereinfachen, bieten wir zusammen mit Partnern auch RZ-Lösungen an, die auf die verschiedensten IT-Landschaften zugeschnitten sind.“

Der Mittelständler kann dann dank individueller Cloud-Lösungen die notwendigen Verfügbarkeitslevel für verschiedene Dienste bedarfsgerecht wählen. „Zudem sind die Preismodelle der Cloud-Lösungen insbesondere für Backup-Dienste attraktiv, da nur für das benötigte Datenvolumen gezahlt wird“, so Janz-Manager Philipp Stute. „Auch grundsätzliche Notwendigkeiten für Betriebe wie Zutrittskontrolle, Klimatisierung und Brandschutz werden als Service geboten“, ergänzt Martin Dirlewanger. Die kurzfristige Anpassung der genutzten Kapazität an den Bedarf bringe zudem Flexibilität in Spitzenzeiten und Kostensenkung durch den Wegfall teurer Hard- und Software-Anschaffungen. Theoretisch verfüge man über unbegrenzt skalierbare Performance und Kapazitäten, zumindest bei CPU-Leistung und Speichervolumen; die Verantwortung für Backup und Restore liege beim Cloud-Anbieter. HP-Experte Gill würde deshalb zunächst prüfen, ob eine Cloud-Lösung mit den erforderlichen Verfügbarkeits-SLA und Zertifizierungen ausgestattet ist.

Die Servicelevels hochschrauben

Peter Dümig sieht in vielen Fällen durch eine passende Cloud-Lösung Sicherheit und Servicequalität verbessert – bei gleichzeitig niedrigeren Kosten für den Auftraggeber: „Oft können damit Servicelevels erreicht werden, die als Einzellösung vor Ort gar nicht oder nur mit erheblichem finanziellen Aufwand zu erreichen wären.“Prinzipiell sind die gleichen Themen zu beachten wie bei anderen Outsourcing- oder Outtasking-Verträgen. „Bei Cloud-Angeboten kommt noch – wie auch bei einem SAP-Hosting – hinzu, dass die notwendigen Bandbreiten, also entsprechende Datenleitungen, vorhanden sein müssen“, so Dümig weiter. „Selbstverständlich sind Standardbedingungen zu beachten, wie Datenhaltung in Deutschland oder mindestens in Europa, die Vertrauenswürdigkeit des Partners oder die Einhaltung entsprechender Datenschutzrichtlinien.“

„Die Vorteile liegen darin, dass die Datenhaltung zwar extern erfolgt, aber das Unternehmen dennoch die volle Kontrolle zu jeder Zeit behält“, skizziert Cisco-Evangelist Viktor Hagen den anzustrebenden Idealzustand. „Gleichzeitig liegt die Verantwortung für die Sicherung und die Sicherheit der Daten beim Cloud-Anbieter. Je nach Vertragswerk stellen Dienstleister sogar Ersatzrechner, Speicher und eine zusätzliche Netzwerkanbindung zur Verfügung.“

Schon diese kurzen Ausführungen machen deutlich, dass Backup in der Cloud ein großes Thema ist, dass sehr sorgfältig geplant sein will.

Bildquelle: ©kycstudio/istockphoto.com


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