25.04.2012
Interview, IT-Dienstleistung
Von: Nadine Dibbern

Sven Lehmann, Etvice Consulting

Beratung bezahlbar machen

Im Interview spricht Sven Lehmann, geschäftsführender Gesellschafter der Etvice Consulting GmbH, über IT-Consulting für den Mittelstand und mögliche Szenarien, bei denen sich ein Blick von außen lohnen könnte.


Sven Lehmann, geschäftsführender Gesellschafter der Etvice Consulting GmbH, ist selber als externer Berater für mittelständische Unternehmen zuständig.

ITM: Herr Lehmann, das Beratungsunternehmen Capgemini hat 2011 einen IT-Report herausgegeben. Darin hieß es, nach der Wirtschaftskrise sei der Bedarf an IT-Innovationen hoch, jetzt müsse wieder mehr investiert werden. Ist das aus Ihrer Sicht im Mittelstand seither geschehen?

Sven Lehmann: Man spürt deutlich, dass wieder mehr in IT investiert wird – allerdings wird das Gros der Investitionen bei Großunternehmen getätigt. Der Mittelstand ist in diesem Bereich eher zögerlich. Das liegt aber nicht daran, dass das Geld fehlt, sondern dass Entscheider oft nicht wissen, wo sie investieren sollen und müssen. Im Mittelstand gibt es oft nur kleine IT-Abteilungen, manchmal auch nur einen einzigen Mitarbeiter, der alleine für die IT des Unternehmens verantwortlich ist. Ein einzelner Mitarbeiter oder ein kleines Team hat nicht die Ressourcen, die Entwicklungen auf dem Markt zu verfolgen und kann daher nicht entscheiden, wo Investitionen sinnvoll sind. Das Risiko der Fehlinvestitionen ist daher groß. Leider führt dies bei einigen mittelständischen Unternehmen zum Stillstand und sie sind zudem vielfach skeptisch.

ITM: Was meinen Sie genau damit?

Lehmann: Viele Mittelständler haben noch keine Erfahrung mit externen Beratern und scheuen sich vor dem Unbekannten. Für den Mittelstand ist die IT-Beratung noch eine Blackbox. Es herrscht allgemein die Annahme: „IT-Beratung ist kostenintensiv und ergebnislos.“ IT-Consultants, die sonst für Konzerne tätig sind, passen auch gar nicht so recht in die Welt des Mittelstandes. Wenn ich bei meinem aktuellen Kundenprojekt, bei einem Hersteller für Landmaschinen, mit Anzug und Schlips aufgetaucht wäre, hätte man mich wahrscheinlich gleich wieder nach Hause geschickt. Berater müssen bei Mittelständlern, die im Bereich IT-Consulting eher unerfahrenen sind, zunächst Akzeptanz schaffen und bescheiden auftreten. Im Anschluss kann mit der operativen Arbeit begonnen werden.

ITM: In welchen Bereichen besteht aus Ihrer Sicht Bedarf in der IT-Beratung?

Lehmann: Im Grunde genommen bei jeder anstehenden Investition. Das fängt bei solch einfachen Dingen an wie der Entscheidung für ein Betriebssystem. Investiere ich jetzt in Windows 7 oder warte ich besser auf Windows 8? Oder ist ein ganz anderes System besser für meinen Betrieb geeignet? Da Microsoft bald keine Wartung mehr für XP anbietet, wird sich diese Frage nun bei vielen Mittelständlern in naher Zukunft stellen, wenn sie noch nicht umgerüstet haben. Der hausinterne IT-Mitarbeiter kann in der Regel keine Analysen vorlegen, welcher Mitarbeiter überhaupt welche Tools in welcher Intensität nutzt, um eine angemessene Entscheidung für oder wider ein System zu treffen.

Ein weiterer Bereich, in dem Beratungsbedarf besteht, ist die Frage nach In- oder Outsourcing. Soll ich im eigenen Hause Server vorhalten, für Daten­sicherheit und Backups verantwortlich sein oder ist es besser, dies in die Cloud auszulagern? Da braucht der Mittelstand jemanden, der erfahren ist, der Vor- und Nachteile der Szenarien analysieren kann.

ITM: Beraten Sie denn selbst Mittelständler? Können Sie einen Einblick in Ihre Projekte geben?

Lehmann: Derzeit berate ich, wie schon kurz angesprochen, einen Hersteller für Ersatzteile bei Landmaschinen. Das Unternehmen wurde durch ein anderes übernommen – die neue Geschäftsführung hat viele Veränderungsprozesse angestoßen. Als einziger externer Berater arbeite ich mit den IT-Abteilungen europaweit zusammen, plane die Aufgaben und teile sie für die Mitarbeiter ein. Aktuell soll beispielsweise ein Barcodesystem für die Produkte eingeführt werden, damit sie in Zukunft gescannt werden können.

ITM: Welche Nachteile haben Unternehmen, die Innovationsprozesse scheuen, auf lange Sicht?

Lehmann: Die Welt und vor allem die IT entwickeln sich ständig weiter. Man hat das schon beim Aufkommen des Internets gesehen: Wer da die Entwicklung verschlafen hat, hatte schwierige Zeiten oder verschwand sogar ganz vom Markt. Eine überalterte Infrastruktur kann mitunter hohe Kosten verursachen. Man muss sich die Effizienzfrage stellen: Kriege ich aus meiner IT das raus, was ich will, im Verhältnis zu den Kosten? Wenn überalterte Technologien zu hohen Wartungsaufwand mit sich bringen oder wenn Sie zu hohe Lizenzgebühren für eine Softwarelösung zahlen, dann sollte sich der Entscheider überlegen, ob es langfristig nicht günstiger wäre, jetzt in die IT zu investieren. In Großunternehmen denkt man täglich darüber nach, wo man effizienter werden kann – dem Mittelstand fehlt dazu schlichtweg die Zeit.

ITM: Können Sie ein Modell erläutern, das dem Mittelstand Planungs- und Investitionssicherheit gibt, wenn er einen externen Berater engagiert?

Lehmann: Da gibt es zwei Möglichkeiten. Die erste ist, dass der Berater nicht nach einer offenen Anzahl von Tagen bezahlt wird, sondern für ein festes Projekt. Beispielsweise kann ein IT-Consultant für einen Tag engagiert werden, an dem er das Projektportfolio des Unternehmens durch Interviews mit den Beteiligten durchleuchtet, analysiert und anschließend einen Maßnahmenkatalog erstellt. Der Entscheider ist hinterher völlig frei darin, ob er die empfohlenen Maßnahmen durchsetzt oder nicht – und ob er es selbst macht, mit diesem Berater oder mit einem anderen.

Die zweite Möglichkeit ist, dass man ein festes Zeitkontingent beim Berater bucht, das flexibel abgerufen werden kann. Dieses Budget ist gedeckelt, etwa auf fünf Manntage pro Kalenderjahr. Der Berater kann dann auch für eine Mikroeinheit, zum Beispiel für zwei Stunden in das jeweilige Unternehmen kommen. Wenn mögliche Investitionsentscheidungen diskutiert, Softwareanbieter ins Haus geladen oder neues IT-Personal gesucht werden – für jeden Beratungsbedarf kann der Externe hinzugerufen werden. Bei beiden Modellen der externen Beratung können nicht mehr Kosten entstehen als vorher vereinbart und es gibt eine feste Ergebnisorientierung. Außerdem muss in diesem Zusammenhang erwähnt werden, dass es für Mittelständler die Möglichkeit einer staatlichen Förderung gibt, wenn sie ein zertifiziertes Beratungsunternehmen engagieren.

ITM: Was muss ein Unternehmen bei der Auswahl des Beraters beachten? Muss er zwingend ein Experte der Branche sein?

Lehmann: Da es sich um IT-Beratung handelt, sind Branchenkenntnisse in der Regel nicht zwingend notwendig. Anders wäre es bei Management- oder Organisationsberatung. Wichtig ist, dass der Berater darlegen kann, dass er eine ähnliche Problemstellung bereits erfolgreich abgewickelt hat. Entsprechende Referenzen beziehungsweise Fallbeispiele sollten in jedem Fall abgefordert werden.

ITM: Der Chaos-Report fand im letzten Jahr heraus, dass heute mehr IT-Projekte zum Erfolg geführt werden als jemals zuvor. Woran liegt das?

Lehmann: Das liegt in erster Linie an der gewachsenen Erfahrung der externen Berater. IT-Beratung ist noch eine sehr junge Branche, die mit ihren Erfahrungen wächst. Die Beratung ist heute ergebnisorientierter und gezielter eingesetzt. So wird sie auch für den Mittelstand nützlich und finanzierbar.


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